Schon wieder derselbe Traum.

Knöcheltief wate ich durch dickflüssigen roten Matsch. Eine zähe Masse, die sich träge durch die schmalen Kanäle wälzt, die sie über die Jahrhunderte ins Pflaster gegraben hat.

Ich taste nach etwas, das ich verwenden könnte, und merke erst jetzt, dass ich einen weißen Mantel trage.

Blaulicht. Einsatzfahrzeuge. Gleich da vorne ist es.

Doch ich komme nie an. Straßensperre. Sie können hier nicht weiter! Vielleicht später. – Vielleicht morgen.

Ich schreie.

Dann schrecke ich schweißgebadet auf.
 

Das Fieber ist gesunken. Das Zittern ist geblieben. Heizungsausfall. Wieder einmal.

Das eiskalte Wasser aus der Dusche besorgt mir den Rest. Ein kurzes Aufbäumen, dann sacke ich resignierend zusammen.

Wie ferngesteuert klettere ich in Hose und Jacke. Griff nach dem Schirm. Griff nach der Türklinke. Der Hunger treibt mich nach draußen.
 

Jerusalem: Traum und Alptraum. Alles und nichts. Bullshit in einer Petrischale.

“Eine Stadt wie eine Massenkarambolage!” denke ich mir, während ich mich durch das Gewühl schiebe. Wäre das alles noch frisch, man müsste es im Verkehrsfunk melden.

Doch wovor warnen? Auf der Autobahn zwischen Tel Aviv und Amman hat sich Jerusalem ereignet – bitte bleiben Sie rechts und überholen Sie nicht?!

Für so etwas müsste man doch internationale Hilfe anfordern – aber, wen schicken? Die Johanniter?! Nicht schon wieder.

Die Schaulustigen sind jedenfalls schon da. Verstopfen die Verkehrsadern und behindern die Hilfeleistung, nur für alle Fälle.

Und da ist es wieder, dieses seltsame Gefühl. Deja-vu. Eigenartig vertraut, das alles. Eine vage Ahnung, dass ich das kenne, dass ich schon einmal hier gewesen bin, irgendwann.

Ich mache einen geübten Schritt über einen der Kanäle, der jetzt vom Dauerregen klares Wasser führt.

In einem kleinen Cafe zwinge ich mich zu einem Croissant – dann greife ich zum Telefon. Als meine Mutter abhebt, lasse ich mir versichern, dass das nicht wahr ist – dass ich nie hier war, weder als kleines Kind noch irgendwann davor.

“Geht es dir gut?” will sie wissen.

“Ja, danke…” behaupte ich und gebe vor, in Eile zu sein.

“Wo bist du?” fragt sie hartnäckig.

“Zu Hause. Wo sonst?” sage ich, während hinter mir der Muezzin zu rufen beginnt und gleich daneben die Glocken der Grabeskirche schlagen.

“Was ist das bei dir im Hintergrund?”

“Musik.” lüge ich und lege dann ganz schnell auf. Jerusalem ist kein Ort den man heimlich besucht.

Während ich den Kaffee austrinke, wird mir auf einmal klar, dass das alles Absicht sein muss.

Diese Stadt hat einer mit Vorsatz gebaut. Eine Allegorie, um den Menschen den Spiegel vorzuhalten – inszeniert aus einem einzigen Grund, um sie der Lächerlichkeit preiszugeben. Jerusalem – das könnte von mir sein. Ein Insiderwitz, angesiedelt irgendwo zwischen der Mondlandung und den Bonsai Kittens.

Aber die anderen haben den Witz nicht verstanden. Eh wie immer.

An meinem Tisch zieht es wie in einer Theaterkulisse. An den Kellnerinnen ist etwas faul – zu freundlich, wie ich finde. “Overacting” nennt das der Fachmann. Mir kann man nichts vormachen.

Ein diskreter Kniff in den Arm bringt mich hier nicht raus. Also zahle ich und gehe.

Draußen erschlägt mich die Stadt wieder mit ihrer Unmittelbarkeit: Zu konkret, das alles – viel zu greifbar, um echt zu sein.

“Jerusalem – Feinde zum Anfassen” schießt es mir plötzlich durch den Kopf, und für einen Moment stelle ich mir darunter eine höchst erfolgreiche Werbekampagne vor.

Als mir die Soldaten zum dritten Mal an diesem Wochenende den Weg durch die Altstadt versperren, beginne ich endlich zu begreifen:

Da ist auch ein Jerusalem in meinem Kopf. Auch in mir haben sie gebaut auf etwas, das schon war. Die Geschichte großer Opfer und unermesslicher Schuld spielt auch in mir: Auch ich bin der Schauplatz blutiger Schlachten, und auch ich bin zerrissen.

Als ich auf dem Rückweg in die Augen der Entgegenkommenden blicke, muss ich mich zusammenreißen, ihnen das Gefundene nicht einfach ins Gesicht zu schmettern.

“Fragen nach Jerusalem bringen” – daraus sollte man ein Sprichwort machen. Eine Stadt als Ort der Gruppentherapie – als ob Jerusalem die Antwort wüsste.

“Die Antwort ist nicht hier!” platzt es schließlich aus mir heraus, während sich ein Tourist neben mir gerade ein überteuertes T-Shirt mit der Aufschrift “Pike-Jew” aufschwatzen lässt.

“Excuse me?!”

Ich rolle mit den Augen. “The answer isn’t here!” versuche ich es bei einem Mann mit Zöpfen und eigentümlicher Pelztorte auf dem Kopf.

“Maa mauhta?!” antwortet dieser irritiert.

“Answer. Die Antwort. What you want to know – you know? Not hier!”

Der Bäcker, vor dem ich inzwischen stehe, sieht mich mit großen Augen an. “Madha qultu?”

Ich gebe auf.

Während ich langsam weitergehe, balle ich die Hand zur Faust und beginne mir damit wieder und wieder auf die Brust zu schlagen. “Hier ist die Antwort. Hier!” murmle ich und füge mich dabei nahtlos in die Reihen jener, die in dieser Stadt Selbstgespräche führen.

Im Bazar nehme ich wieder Fahrt auf. “Sehet all die schönen Projektionsmöglichkeiten!” rufe ich mit leuchtenden Augen, während sich die Händler auf beiden Seiten des Weges schützend über ihre Waren beugen und die entgegenkommenden Touristen entsetzt zur Seite springen. “So viel das man lieben und hassen kann!”

Eine Frau vor mir reckt bedrohlich einen abgebrochenen Skistock gen Himmel und predigt ihren kameratragenden Jüngern damit das Evangelium angeblicher Sehenswürde.

“Ihr Pack könnt doch nicht mal eine Kreuzfahrt von einem Kreuzzug unterscheiden!” brülle ich sie an. Es tut gut, dem Hass ein Ziel zu bieten.

Die Suche nach einem Ziel für meine Liebe gestaltet sich schon schwieriger. Das gibt es doch bestimmt auch, mache ich mir Mut. Wer hasst, der liebt auch. Wo es Täler gibt, sind schließlich auch Berge.

Doch wer liebt eigentlich mich?

Vor der Klagemauer, diesem großen Wunschbrunnen vor dem Herrn, mache ich Halt und frage nach Stift und Zettel.

Mit großen, krakeligen Buchstaben fange ich an zu schreiben, den Zettel gegen die Mauer gedrückt – ich versuche, es einfach zu halten:

Biete Mensch. Suche Liebe. Wesen mit Erfahrung bevorzugt.

Das schließt Mitmenschen wohl aus, denke ich mir.

Ich falte den Zettel so oft ich kann und stecke ihn in die Klagemauer, ramme ihn so tief zwischen die jahrtausendealten Quader dass Jerusalem schreit, aufschreit vor Schmerz – und doch ist es nicht mehr als ein Seufzer, der im allgemeinen Getöse der Stadt untergeht.

Und es entsteht plötzlich vom Himmel her ein Brausen wie von einem daherfahrenden gewaltigen Wind und erfüllt die engen Gassen.

Ich ziehe den Reißverschluss ganz nach oben und setze die Kapuze auf.

Und auf einmal höre ich es. “Lieber Gott!” ruft da jemand. Ich drehe mich um, doch hinter mir ist niemand.

“Lieber Gott!” ruft die Stimme jetzt lauter. “Gib mir jemand den ich hassen kann, damit ich mich nicht selbst hassen muss.”

Neben mir steht auf einmal ein schwarz gewandeter Mann, der mit rhythmischen Kopfbewegungen vor sich hin murmelt.

“Lieber Gott!” höre ich ihn sagen, “Gib mir jemand, der mich liebt, da ich mich selbst nicht lieben kann!”

Als ich diese Worte aus dem Mund des Mannes höre werde ich bestürzt, denn ich höre ihn in meiner eigenen Sprache reden.

In Panik verlasse ich den Ort und laufe zurück, doch ich finde den Weg nicht mehr. Ich irre durch die Stadt, Stunde um Stunde verstreicht, und es kommt die Zeit, da ich Hunger habe. Ich nähere mich einem Mann, der an einer Straßenecke Falafel verkauft, und bitte ihn um etwas zu essen.

“Lieber Gott, gib mir jemand der mich liebt!” höre ich ihn sagen.

Ich haste weiter. Abermals vergehen Stunden, und es kommt die Zeit, da ich verschwitzt bin. Ich frage einen armenischen Straßenhändler an der Ecke nach dem Preis für seine T-Shirts.

“Lieber Gott, gib mir…!” antwortet dieser.

Ich fange an zu rennen. In panischer Flucht erreiche ich die Stadtmauern, laufe kopflos das endlose Gemäuer entlang und finde doch keinen Ausweg. Nackte Verzweiflung! Endlich erbarmt sich die Stadt und speit mich beim Löwentor aus. Ich renne weiter, eine Anhöhe hinauf, vorbei an einem Schild, auf dem “Ge-tse-ma-ni” steht und hinauf bis auf einen Berg voller Olivenbäume – ich mache kurz Halt um Luft zu schnappen, und drehe mich ein letztes Mal um.

“Lieber Gott!” ächzt Jerusalem unter mir. “Lieber Gott, gib uns jemand der uns liebt, da wir uns selbst nicht lieben können. Und gib uns jemand den wir hassen können, damit wir uns nicht selbst hassen müssen.”

Und da fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Das Gebet wurde erhört – unsere Gebete wurden erhört.

Jerusalem ist die Antwort.

Jerusalem ist der Ort, wo es sich erfüllt.

Über den Autor

Stefan