Ich war ein braves Kind. Meine Mutter erklärte mir, das Lügen böse ist, also habe ich es nicht getan.

So zählte ich bis zu meinem zehnten Lebensjahr drei Lügen. Ich erinnerte mich an jede einzelne, hütete mich aber davor, meine Erinnerung mit jemand zu teilen: Das verbot mir das schlechte Gewissen – drei Lügen waren drei zu viel, wie ich meinte.

In der Schulkantine war ich meistens der letzte: Während ich noch mutterseelenallein in der riesigen Halle saß und an den sehnigen Resten eines zu Leichenstarre verkochten Rinderschnitzels nagte oder aber versuchte, die glibbernde Haut eines lieblos zugerichteten Hühnerbeins herunterzuwürgen, konnten die anderen einfach spielen gehen. Mein Bruder war einer von denen, die die Macht hatten einfach aufzustehen, und ich bewunderte ihn dafür, wie man Geschwister eben bewundert, wenn sie etwas können, das man selber nicht kann.

Was es genau war, das er konnte, entdeckte ich allerdings erst später: Mein Bruder konnte lügen.

Wenn man uns nach der Schule fragte, ob wir denn auch brav aufgegessen hätten, konnte mein Bruder mit der gleichen Selbstverständlichkeit nicken wie ich – das war der Unterschied.

Ich war ein langsames Kind. Mein Bruder hatte schnell durchschaut, dass man Kinder nicht für die Tat bestraft sondern für die Wahrheit. Er schloss daraus, dass Erwachsene die Wahrheit fürchten, und verschonte unsere Eltern damit wo er nur konnte.
 

In der Pubertät macht man alles mögliche. Meine Schulkameraden besoffen sich, nahmen die ersten Drogen, hatten Sex.

Ich… lernte Lügen – oder versuchte es zumindest. Nur, wie lügt man ohne die geringste Erfahrung? Ich war ja praktisch noch Jungfrau.

Es waren die Achtziger: Jimmy Wales hatte sich die Wikipedia noch nicht ausgedacht, das Lexikon meiner Eltern war mir zu uncool, also tat ich, was damals wohl jeder tat der eine Definition benötigte – ich dachte sie mir aus.

Lügen, so entschied ich, waren das Gegenteil von Wahrheit. Aber wie soll man lügen, wenn man die Wahrheit noch nicht gefunden hat? Man musste wohl erst hinter die Wahrheit kommen – und dann ganz einfach das Gegenteil erzählen.

In der Folgezeit probierte ich, meinen ausgeklügelten Plan in die Tat umzusetzen – in der Praxis erwies sich das jedoch als ungeheuer anstrengend. Meist scheiterte ich schon am Anfang – bei der Wahrheitssuche. Irgendetwas machte ich falsch. – Nur, was?

Als ich die Wahrheit endlich fand, wurde alles nur noch schlimmer: Ich begriff, dass es nicht glücklich macht, zu viel Wissen anzusammeln und dabei auch noch ehrlich zu sein. Wer viel weiß, muss auch viel lügen – aber davon verstand ich ja noch nichts.

Als ich schließlich erkannte, dass es so keinen Sinn machte, gab ich auf und tat, was die anderen auch taten: Ich besoff mich, nahm die ersten Drogen, und hatte Sex.

Das half.

Lügen lernte ich in der Folge von den Frauen, mit denen ich schlief. Von Christiane etwa, die mich fragte, ob sie zu dick sei. Oder von Inge, die wissen wollte, was ich von ihren Brüsten halte. Und natürlich von Irmgard, die mich verließ, als ich ihr wahrheitsgemäß berichtete, dass ich ihre Schwester Angelika eigentlich lieber mochte.

Über den Autor

Stefan

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