Die Gentrifizierung beginnt an der Ampel.

Wenn die Ampel plötzlich auf Rot springt und ihr gehorsam in eure Fahrradbremsen greift, dann wird es Zeit für mich, wieder in den Wohnungsannouncen zu blättern. Während sich eure wie Weihnachtsbäume beleuchteten Drahtesel grundlos stauen, krame ich von neuem die Bewerbungsunterlagen hervor. Während ihr eure Warnwesten anzieht, nehme ich den Mantel, und während ihr die Helme aufsetzt, nehme ich den Hut.

Meine Freunde, die Amok fahrenden Radler von einst, sind längst verschwunden, im Herbst in den Süden gezogen und von dort nie mehr zurückgekehrt. Keiner mehr, der Autofahrern den Stinkefinger zeigt, niemand mehr da, der dröhnend “Du Arschloch!” ruft, und auch das schallende “Fick dich!”, in diesen Straßen einst heimisch, ist längst verstummt. Keiner, der sich noch die Mühe macht, sie aus ihren Blechkisten zu zerren und einmal so richtig zu vermöbeln, um sie daran zu erinnern, dass auch sie nur sterblich sind.

Da steht ihr nun, in Reih und Glied, und huldigt einem roten Licht.

Um die nächste Ampel bei grün zu erwischen, schalte ich einen Gang höher. Auf eure Trolleys und Kinderwägen kann ich jetzt keine Rücksicht mehr nehmen, und für jeden, dessen letzter Blick beim Überqueren meiner Radspur seiner bescheuerten Facebook-App galt, mache ich eine Kerbe in meine Lenkstange.

Die Straßen sind gefährlich geworden in dieser Gegend. Kein Wunder, dass man da Warnwesten braucht.

Auch die Angst ist neu hier: Ihr habt sie mitgebracht in euren Trolleys und Köfferchen, sauber gestapelt zwischen den Hemden und den Hosen und den Socken, zusammen mit dem Gehorsam, als ihr ausgezogen seid, die große Freiheit zu suchen.

Doch beim Auspacken ging etwas schief: Die Socken liegen jetzt im Schrank, aber die Ängste, die treiben es da draußen mit euren Sorgen und vermehren sich wie die Karnickel. Dann lauern sie euch auf, irgendwo an der Straßenecke, und ihr schreit, schreit um Hilfe, weil ihr euch nicht sicher fühlt, nicht sicher in meiner Nachbarschaft.

Also ruft ihr die Polizei. Weil ihr es könnt. Wegen dem Dreck, der früher einmal Buntheit hieß, und diesem unerträglichen Lärm, den man vor kurzem noch für Musik hielt.

Ihr bezahlt sie ja, die Polizei, also soll sie etwas tun gegen eure Sorgen. Sie gibt sich auch alle Mühe, die Polizei, fahndet nach den Quellen eurer Ängste, kann sie jedoch nicht finden, findet immer bloß Menschen, Menschen mit ganz anderen Sorgen und Ängsten, die sie kontrolliert und bedrängt und verweist und straft, doch nein, eure Ängste und Sorgen haben sie nicht. Noch nicht.

Blind stolpert ihr durch meine Straßen, seht an mir vorbei, als ob ich gar nicht da wäre, und lauft durch mich durch, als ob ihr nicht da wärt.

Ich verstehe das. Ich würde auch nicht hier sein wollen. Hier, wo eure Ängste wohnen.

Doch ich muss bleiben. Woanders wart ihr schon. Woanders kann man sich die Mieten nicht mehr leisten.

Den Klamotten sind jetzt Labels gewachsen. Die Stadt weicht ihrer Nachbildung. Den Doppelgänger erkennt man am Preis.

“Wollt ihr den totalen Quatsch?” frage ich.

“Totally like!” schallt es im Chor.

Selbstdarstellung ist das neue Atmen. Kein Atemzug ohne Statement, ohne sich auszudrücken, nochmals auszudrücken und immer wieder auzudrücken, bis nichts mehr bleibt als totale Leere.

Einatmen. Totally. Ausatmen. Like. Einatmen. Totally. Ausatmen. Like. Einatmen. Totally. Ausatmen. Like.

So führt ihr euren Kreuzzug gegen das so unerträgliche Schweigen. Worte in Endlosschleifen, Gespräche und doch keine, wie zwischen Anrufbeantwortern – Ansage auf Ansage, aber nie geht einer ran.

Satz für Satz höhlt ihr aus, was früher mal dem Austausch diente. Ein geistig-seelisches Entkernen ist das – es geht dem Totalabriss voran.

Das Wochenende bringt Verstärkung. In Horden geht es durch die Straßen. Galeerensträflinge auf Landurlaub: Grölen, saufen, ficken, plündern. Urlaub von euch selbst: Wer könnte es euch verdenken? Das Vergnügen ein Geschöpf der Nacht – je trostloser das Dasein, umso größer der Spaß. Doch kein Gefängnisausbruch währt ewig: Wenn am Horizont der Alltag aufgeht, kehrt ihr zurück in eure Verliese.

So zelebriert ihr euren Wiederholungszwang vor meiner Haustür: Erst sind eure Seelen gestorben. Nun stirbt meine Nachbarschaft.
 

Am Ende ist das Geld. Wie ein tödlicher Schnee legt es sich über die Stadt. Wer es hat, gibt es aus, zahlt höhere Mieten, mehr für den Kaffee und mehr für das Bier, mehr beim Späti und mehr an der Wurstbude, die jetzt jedoch nicht mehr Wurstbude heißt sondern Curry Lounge 99, das klingt doch auch viel besser. Der Fraß ist noch immer derselbe.

Warum?

Weil wir es uns leisten können.

Weil wir es uns wert sind.

Und weil wir nichts wert sind, wenn wir es uns nicht leisten können.

Ihr zahlt, weil ihr es könnt, und weil die, die ausziehen müssen, es nicht können.

So scheidet euch das Geld nun endlich vor euren Ängsten. Sie gehören jetzt denen, die sonst nichts haben.

Ihr winkt den niedlichen Eingeborenen zum Abschied und wünscht ihnen alles Gute, während sie davonziehen mit ihren gebrauchten Koffern und Trolleys, die nackte Existenzangst im Gepäck.

Geld ist das Licht. Ihr leuchtet damit in die dunkelsten Ecken und scheucht auf, was ihr für Ungeziefer haltet. Am Geld habt ihr sie erkannt, und mit Geld werdet ihr sie bekämpfen. Geld ist euer Messer – es tötet, was euch Angst macht.
 

Auch ich habe Geld. Mit meinem Geld kaufe ich Ampeln.

Ich schraube sie in den Asphalt, klebe sie an die Wände der Häuser und hänge sie an die Äste der Bäume. Ich stelle sie in die Parks, montiere sie vor die Kneipen und Bars und verbarrikadiere mit ihnen alle Türen.

Meine Ampeln kennen nur eine Farbe und sprechen nur eine Sprache.

Mit meinen Ampeln halte ich euch auf.

Über den Autor

Stefan