Mit Staunen sprach das alte Jahr,

zum Jahr, das grad gekommen war:

„Sag, neues Jahr, du bist schon hier?

Du bist ja voll das Arbeitstier!
 

Ich will dich ja nicht gleich verschrecken,

doch ist der Job kein Zuckerlecken!

Zwar braucht es dafür frischen Schwung,

doch du erscheinst mir reichlich jung.
 

Bin auch fast neu, noch nicht geschlaucht –

erst ein Jahr alt und kaum gebraucht.

Du bist zu früh, das lass dir sagen!

Komm doch noch mal in ein paar Tagen.“
 

Das neue Jahr, es gluckste bloß.

Dann lachte es auf einmal los

und murmelte höchst arrogant:

„Du altes Jahr, halt mal den Rand!
 

Du hattest jetzt doch ein Jahr Zeit –

das ist genug Zeit, tut mir leid.

Ich wünsche dir noch einen schönen –

und nun hau ab und geh dich föhnen.
 

Von mir aus komm ein andermal,

mit einer andern Jahreszahl:

Du musst dich dazu nur verkleiden

und ein paar Ähnlichkeiten meiden.
 

Ich selbst war 1903

und hatte echt viel Spaß dabei!

Drum nimm dir doch zwo-null-zwo-eins –

doch merk dir: Dieses Jahr ist meins.“
 

Das alte Jahr, es ächzte nur.

Das neue Jahr war ganz schön stur!

„Sag, neues Jahr, nur eine Frage:

Sind nicht auf deine alten Tage
 

Die neuen Jahre öd und leer?

Mir wäre das zu ordinär!

Ich fühle mit dir, Kamerad:

Was du da sagst klingt furchtbar fad!
 

Sich nur ein wenig umzufärben?

Ich würd vor Langeweile sterben!“

Das ging dem neuen Jahr sehr nah,

schien wahr und doch ganz untragbar,
 

Und statt sich zu Neujahr zu schonen

bekam es Neujahrsdepressionen,

der Seelenschmerz nahm seinen Lauf –

und so verstarb es kurz darauf!
 

Das alte Jahr blieb gut gelaunt.

Es schien auch gar nicht groß erstaunt –

es selbst war ja kein Freund von Kummer,

drum kaufte es sich Sekt und Hummer,
 

Ließ dann das neue Jahr erkalten

und tat es zu den andern, alten

unter den Fußboden im Keller –

das ging auch dies Jahr wieder schneller.
 

Es kicherte dabei verschmitzt:

Die Sache war erneut geritzt!

Dann ging es aufwärts, sich zu stärken –

auch heuer würd es niemand merken.

Über den Autor

Stefan

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