Ich war schon sechs, als ich das erste Mal mit käuflicher Liebe in Kontakt kam.

Auf dem Parkplatz, der sich auf der anderen Straßenseite vor unserem Haus befand, hatte der alljährliche Flohmarkt aufgemacht, und so gaben mir meine Eltern wie im Jahr davor zehn Schilling, die ich ausgeben konnte wie ich wollte. Anders als im Jahr davor durfte ich diesmal jedoch alleine los, denn ich ging ja nun bereits in die Schule – und zwar in genau jene Schule, die den Flohmarkt veranstaltete.

Ich hatte den Flohmarkt bereits am Vormittag sondiert, und so dauerte es nicht lange, bis ich mich für einen kleinen goldenen Topf entschieden hatte von der Art, wie sie wohl für gewöhnlich am Ende kleiner Regenbögen stehen. Da dieses Exemplar auf seiner Reise zum Flohmarkt eine unbedeutende kleine Beule erlitten hatte, versicherte mir der Verkäufer, dass es nicht mehr als zehn Schilling kosten sollte.

Die Transaktion war bereits beschlossene Sache, als mein Blick auf einmal auf ein Schild schräg hinter dem Goldtopfverkäufer fiel, das mir bis jetzt nicht aufgefallen war.

„Käufliche Liebe“ stand auf dem Schild! Ich war wie vom Donner gerührt. Mit schlafwandlerischer Sicherheit stellte ich den Topf auf einen Stapel Micky Maus-Hefte und lief dann, ohne den Blick noch einmal von dem Schild abzuwenden, schnurstracks darauf zu – während hinter mir der Topf scheppernd zu Boden fiel und der Verkäufer hörbar fluchte.

Vor dem anderen Stand hatte sich eine kleine Menschenmenge gebildet, aber das konnte mich nicht aufhalten: Ich machte mich klein, schlängelte mich routiniert zwischen den Beinen der Erwachsenen hindurch und hatte im nächsten Augenblick freie Sicht.

Auf einem langen Tisch, der mit einem roten, samt glitzernden Tuch bedeckt war, standen in mehreren Reihen aufwändig gestaltete Glasgefäße: Krüge und Tassen, Schalen und Becken, Vasen und Flaschen – sogar ein kleines Goldfischglas war dabei. Die Gefäße waren mit einer milchig-grauen Substanz gefüllt, und auf jedem von ihnen klebte ein kleines Schildchen.

Ich ging ganz nah an eine großgewachsene Vase mit elegantem Schwanenhals heran und las das Etikett: “1 Liter” stand darauf.

Als ich die Hand nach dem Gefäß ausstreckte, tauchte plötzlich wie aus dem nichts eine Verkäuferin vor mir auf.

“Passt du auf!” flüsterte sie. “Lass es nicht fallen.”

Ich sah die blond gelockte Verkäuferin einen Moment lang an. Dann nickte ich und nahm das Gefäß vorsichtig in die Hände. Ich kippte es zur Seite, aber die Substanz darin war völlig fest.

„Liebe ist wie Eiscreme, mein Kleiner.“ sagte die Verkäuferin, als ob das die Antwort auf alle meine Fragen wäre.

“Haben Sie denn auch Schokoliebe?” fragte ich verwundert.

Die Verkäuferin lachte bloß. “Wie viel möchtest du denn?”

“Da!” sagte ich, und hielt ihr mit einem strahlenden Lächeln die 10 Schilling-Münze hin.

Die Verkäuferin betrachtete erst die Münze in meiner Hand, dann mich. Schließlich drehte sie sich um.

“Dimitrij!!!” rief sie.

Ein grobschlächtiger Mann, der gerade hinter ihr damit beschäftigt war, Kisten mit Liebe auszupacken und die Gefäße, in denen sie sich befand, in Regale zu schlichten, sah von seiner Arbeit auf.

Die Verkäuferin rief dem Mann etwas zu, und dann fingen sie an, energisch und leidenschaftlich in einer Sprache zu diskutieren, von der ich kein Wort verstand.

Der Mann schüttelte dabei immer wieder den Kopf und zeigte schließlich auf das Schild, das mich angelockt hatte.

Auf dem Schild stand, in großen Buchstaben: “Käufliche Liebe”. Und direkt darunter, etwas kleiner: “Ein Liter – 800 Schilling”.

Der Mann wandte sich jetzt von ihr ab und sah mir direkt in die Augen. “Mindestmenge ist Achtelliter.” sagte er energisch. “Einhundert Schilling!”

Ich sah den Mann kurz an, dann wanderte mein Blick wieder zu der Frau, und als sie den Blick erwiderte, lächelte ich fröhlich. Aus meinem Lächeln schloss sie, dass ich wohl nichts begriffen hatte, und so wandte sie sich schließlich wieder an Dimitrij.

Die Diskussion wurde jetzt noch heftiger – und Dimitrij dabei immer lauter. Schließlich rief er etwas, das nicht besonders freundlich klang, dann machte er noch eine abwertende Handbewegung in meine Richtung und ging einfach davon.

Die Frau sah ihm kurz nach, und als sie sich wieder mir zuwandte, flammte in ihrem Gesicht ein strahlendes Lächeln auf. “Dimitrij ist einverstanden. Du kannst auch eine kleinere Menge nehmen.”

Sie sah sich um. Am Nachbarstand gab es Schnaps zu kaufen, und das Geschäft damit schien auch nicht so schlecht zu gehen. Auf einem Schild war zu lesen: Obstler – 1 Liter 80 Schilling.

Während ich noch darüber nachgrübelte, wie es sein konnte, dass man für einen Liter Liebe zehn Liter Obstler bekam, ging die Frau zum Nachbarstand hinüber und kam wenig später mit einem winzigen Plastikbecher zurück.

“Bei der Liebe kommt es nicht auf die Quantität an, sondern auf die Qualität.” murmelte sie, während sie mit einem Löffel ganz behutsam etwas Liebe aus einer der Glasschalen kratzte und die Stelle dann mit dem Löffelrücken vorsichtig wieder glatt strich.

Ich verstand nicht, was sie damit sagen wollte, aber die Frau schien es bereits an meinem Blick bemerkt zu haben.

“Die Menge.” erläuterte sie. “Auf die kommt es nicht an. Wichtig ist die Intensität!”

Sie nahm den winzigen Becher, der nur etwa zur Hälfte gefüllt war, mit zwei Fingern und gab ihn mir in die Hand. Ich war sprachlos.

“Wenn du älter bist, wirst du dir mehr Liebe leisten können.” sagte die Frau entschuldigend. In ihrem Gesicht war so etwas wie Bedauern zu lesen, aber ich war viel zu aufgeregt, um etwas darauf zu sagen. Ich starrte noch einmal den Becher an, dann die Frau, dann wieder den Becher. Schließlich begann ich zu strahlen.

“Pass gut drauf auf.” sagte die Frau.

Ich nickte hastig. Dann lief ich davon.

Ich wählte den kürzesten Weg nach Hause und quetschte mich durch ein Loch im Zaun, anstatt das Haupttor zu nehmen. Nicht auszudenken, wenn der Liebe unterwegs etwas passiert wäre.
 

Meine Mutter stand am Herd, als ich zur Küchentür hereinplatzte. Ich war so außer Atem, dass ich kein Wort herausbrachte, also hielt ich ihr den Becher einfach nur hin.

Meine Mutter schien den Becher bloß mit einem Seitenblick zu streifen. “Kind, du weißt doch dass es gleich was zu essen gibt.” murmelte sie. Wie um ihrer Behauptung Nachdruck zu verleihen, riss sie im nächsten Moment eine riesige Packung Tiefkühlgemüse auf und schüttete den Inhalt in eine heiße Pfanne, was sehr laut zischte. “Was hast du noch gekauft?” fragte sie, während sie anfing, mit einem großen Löffel im Gemüse zu rühren.

In diesem Moment betrat mein Vater die Küche, und meine Mutter rollte über meinen Kopf hinweg mit den Augen. “Er hat das hier gekauft.” sagte sie nur, und deutete mit dem Kopf in Richtung des Bechers in meiner Hand.

“Du weißt doch, dass es gleich Mittagessen gibt.” sagte mein Vater streng.

“Wisst ihr nicht, was das ist?” fragte ich, und an den Gesichtern meiner Eltern war abzulesen, dass sie es nicht wussten. “Das – ist Liebe!” verkündete ich stolz.

Als meine Eltern begriffen, dass ich es für nötig befunden hatte, auf dem Flohmarkt auf der anderen Straßenseite Liebe zu kaufen, wurde es in der Küche auf einmal mucksmäuschenstill.

“Das ist keine Liebe.” sagte mein Vater schließlich.

Meine Mutter war sichtlich erleichtert, dass jemand die furchtbare Wahrheit endlich ausgesprochen hatte. “Liebe kann man nicht kaufen, weißt du?” sagte sie, und obwohl sie sich Mühe gab, ihre Fassung zu bewahren, schien ihre Stimme dabei ein wenig zu zittern.

Für einen Augenblick war ich völlig verwirrt – dann spürte ich jedoch auf einmal eine beträchtliche Wut in mir aufsteigen: Immerhin hatte ich doch gerade Liebe gekauft – wie konnten sie da sagen, dass es nicht möglich war?

“Das – ist Liebe.” wiederholte ich trotzig.

“Das ist keine Liebe.” sagte meine Mutter, und diesmal bebte ihre Stimme hörbar.

„Woher wollt ihr denn wissen, was Liebe ist?“ platzte es aus mir heraus.

In diesem Moment kochten die Nudeln über.

Mit einer hektischen Bewegung zerrte meine Mutter den Topf vom Feuer, und als sie dabei aufschrie, wusste ich, dass sie sich die Finger verbrannt haben musste.

“Bring sie zurück.“ zischte mir mein Vater zu, und korrigierte sich im nächsten Augenblick: „Bring ES zurück!“

Meine Mutter lief zur Spüle und ließ kaltes Wasser über ihre Hand laufen. “Liebe ist ein Geschenk!” rief sie, ohne sich dabei umzudrehen.

Mein Vater nickte bloß. “Ist es kein Geschenk, ist es auch keine Liebe.”

Ich war jetzt den Tränen nahe. Mit gesenktem Kopf tapste ich zur Tür – dann drehte ich auf einmal um.

Ich ging vorsichtig auf meine Mutter zu und sah sie einen Moment lang an. Dann nahm ich ihre Hand und legte ihr behutsam den Becher hinein.

„Für euch.“ sagte ich ganz leise. Dann drehte ich mich wieder um und rannte aus dem Zimmer.

Über den Autor

Stefan

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