Mit 17 macht man alles mögliche. Man hat noch Wünsche und Träume, und geht an ihre Umsetzung mit einer gewissen Naivität heran: So stellt man sich vor, dass man später einmal Tierarzt werden möchte, um kleinen Hamstern zu helfen. Man engagiert sich sozial, sammelt Spenden für die Rettung des Regenwaldes oder gründet einen Buchklub.

ICH gründete eine Terrororganisation.

Die Geschichte meiner Terrororganisation ist untrennbar mit Jutta verbunden, meiner ersten Freundin, und dem Moment, als sie mich fragte, ob ich sie denn tatsächlich liebte. Das war vor unserem ersten Sex – also, unmittelbar davor.

Da ich nicht gut lügen konnte, dachte ich über ihre Frage erst eine Weile nach, und gestand ihr dann wahrheitsgemäß, dass ich im Grunde gar keine Ahnung hätte, was Liebe überhaupt sei. Und so kam es, dass Jutta und ich die ganze Nacht über die Liebe diskutierten.

Als es draußen allmählich hell wurde, hatten wir uns auf zwei Dinge geeinigt: Erstens, dass die Welt an einem Mangel an Liebe litt – und zweitens, dass “Liebe” der wohl am meisten missbrauchte Begriff auf dem Planeten sein musste.

Dann schlief Jutta erschöpft ein – und so blieb ich in dieser Nacht Jungfrau.
 

Als wir einige Tage später bei McDonalds saßen, nahmen die Dinge Fahrt auf: Jutta stocherte in ihrem Gartensalat herum, und ich aß einen Cheeseburger. Irgendwo dort wurden die Dinge konkreter. Jutta erzählte, dass sie über unser Gespräch noch einmal nachgedacht hatte. Sie wollte nicht bloß reden, sondern etwas tun. Das wollte ich auch – und so teilten wir schließlich eine Apfeltasche und schworen darüber einen heiligen Eid: Wir würden die Liebe von nun an beschützen und immer dann, wenn ihr Missbrauch drohte, aufspringen und aus Leibeskräften rufen: “Das ist ja gar keine Liebe!”

Und so machten wir es dann auch.

Wir waren schon am Aufbrechen, als mein Blick auf einmal auf das Einwickelpapier meines Cheeseburgers fiel – und im nächsten Augenblick wusste ich, was zu tun war. Ich trat an die Galerie, beugte mich zu den Kassen hinunter und brüllte, so laut ich konnte: “Das ist ja gar keine Liebe!” Dabei wedelte ich wie wild mit dem Einwickelpapier in meiner Hand. Dass darauf “Ich liebe es!” stand, war mir vorher noch nie aufgefallen.

Jutta gab mir daraufhin einen Kuss, und wir gingen, noch ehe die Polizei kam.
 

Auf der Straße kamen wir rasch in Schwung: Wir schlichen uns an eine Frau heran, die vor uns einen Nerzmantel trug, und brüllten es erst ihr ins Ohr und danach dem Mann, der ihr den Pelzmantel gekauft hatte. Wir schrien es dem Typen, der vor dem Westbahnhof seinen aufgemotzten BMW hochdrehte, durch das geöffnete Seitenfenster und riefen es auch den Nutten zu, die auf der anderen Straßenseite vor der Manhattan Bar standen.

Anschließend ließen wir uns bei Bortolotti nieder, bestellten eine “Heiße Liebe” und beschwerten uns bei der Bedienung lautstark darüber, dass dies doch eigentlich gar keine Liebe sei.

So hatten wir eine Menge Spaß an diesem Nachmittag – und doch spürten wir, dass sich in uns nach und nach eine seltsame Erschöpfung breit machte. Als Jutta vorschlug, zur Erholung ins Kino zu gehen, begannen wir das wahre Ausmaß unserer Mission zu erahnen: Sie wollte Robocop 2 sehen, ich aber ermahnte sie, dass das angesichts der unerledigten Arbeit, die noch auf uns wartete, wohl kaum angemessen war. Jutta sah das schließlich ein, also kauften wir statt dessen Karten für “Pretty Woman”, der damals neu herausgekommen war.

Pretty Woman zeigte uns die Grenzen auf. Erst lernten wir das Grauen kennen, dann Demut und Bescheidenheit. Schließlich wuchsen wir jedoch mit unserer Aufgabe, und so kam es, dass wir nach nicht einmal einer Stunde aus dem Kino geworfen wurden. Jutta schrie dabei und beeindruckte alle Anwesenden mit ihrer umfassenden Kenntnis derber Schimpfwörter.

Ich dagegen ertrug es wie ein Mann. “Das ist aber auch keine Liebe.” sagte ich zu dem bulligen Kartenabreißer, der uns gerade erst ins Foyer gezerrt und dann unsanft auf die Straße geschubst hatte.

“A Watschn kannst hab’n.” schlug dieser vor. Ich wertete das als Zustimmung.
 

Der Rauswurf konnte uns zwar bremsen, aber nicht aufhalten. Und so nutzten wir die Chance, unsere Überzeugungen zu festigen und uns neu zu formieren.

Kurz darauf machten wir eine Klassenfahrt in die Stadt der Liebe, wo wir uns radikalisierten. Von der französischen Resistance lernten wir die Kunst des Graffiti. Wir sprühten unser “Ce n’est pas l’amour” auf Mauern und Gartenzäune, auf Schulen und Gefängnisse, und auf den alten Kühlschrank, den irgendein Idiot am Seine-Ufer entsorgt hatte.

Nach unserer Rückkehr warfen wir all unser Taschengeld in die Schlacht: Wir besorgten uns größere Sprühdosen und eroberten damit die heimische Plakatwelt.

Glaubte man den Plakaten, war die Liebe ein Monopol der Konzerne. Es war Liebe, die sie dazu antrieb, Lebensmittel zu verkaufen, Brot zu backen oder Marzipan herzustellen.

Sie liebten die Menschen. Sie liebten die Kinder. Sie liebten Ideen, Fruchtsäfte, Bücher, Schuhe, Spielwaren, Urlaub, Musik, Technik und das Leben. Selbst Forchheim liebten sie.

„Wie kann man Forchheim lieben?“ fragte ich. Jutta rollte mit den Augen, ohne die Sprühdose auch nur abzusetzen, so als hätte sie das, was mir gerade erst dämmerte, schon längst begriffen.

Schließlich begriff auch ich: Wir fanden die Liebe überall, wo es Hohlräume zu befüllen gab – ähnlich wie Milchpulver, das in derart rauen Mengen produziert wurde, dass sie es bereits über Würste und Tiefkühlprodukte entsorgen mussten um es noch irgendwie loszuwerden.

Ob das auch für die Plakate galt? Waren auch sie eine Form der Entsorgung?

“Liebe ist Abfall.” sprühte ich.

“Das ist aber doch gar keine Liebe!” sprühte Jutta.

Wenn aber die Plakatliebe tatsächlich ein Abfallprodukt war, bei welchem industriellen Verfahren fiel sie dann an? War sie der Bodensatz, der nach der Ausbeutung billiger Arbeitskraft zurückblieb? Reicherte sie sich bei der Zerstörung des Planeten an? War sie ein typisches Nebenprodukt geplanter Obsoleszenz – oder einfach nur eine Abscheidung menschlicher Dummheit?

Am nächsten Tag schrieben wir die Firmen an, die die Liebe plakatierten.

Ich gab vor, gegen Liebe allergisch zu sein, und wollte wissen, ob denn auch lieblos hergestellte Produkte mit Liebe verunreinigt sein konnten – und zwar produktionstechnisch bedingt. Dann regte ich an, für solche Fälle den Warnhinweis “Kann Spuren von Liebe enthalten” einzuführen – wenn schon nicht von Gesetzes wegen, dann wenigstens auf freiwilliger Basis.
 

Bald hatten wir jedoch andere Sorgen, denn das Geld wurde knapp. Zu meiner eigenen Verblüffung gelang es mir, einen Vorschuss auf mein Taschengeld zu bekommen, aber auch das hielt nicht lange.

Zu unserer nächsten Verabredung tauchte Jutta mit einem Bündel Hunderter auf.

“Für die Abtreibung.” sagte sie lakonisch.

Ich verstand nicht gleich, was sie damit sagen wollte – erst, als wir vor dem Printshop standen, fing ich an zu begreifen.

“Heißt das, wir kriegen das Kind?” fragte ich unsicher – sie aber beruhigte mich damit, dass wir ja noch immer keinen Sex gehabt hatten.

“Was deine Eltern wohl jetzt von mir denken?” wollte ich wissen.

Jutta zuckte kurz die Achseln und ließ damit offen, ob die Lage hoffnungslos war oder es sie bloß nicht kümmerte.
 

„Wir lieben Geld“ stand auf den neuen Aufklebern, denn das schien uns doch näher an der Wahrheit zu sein. Die Aufkleber verbrauchten sich rasant, und bald war klar, dass auch das Geld aus der Abtreibung nicht lange reichen würde. Und dabei hatten wir noch große Pläne:

Wir wollten in den Vatikan fahren um dem Ajatollah im Namen des Papstes einen Liebesbrief zu schreiben. Wir wollten Michelangelos David das Herz brechen, den Liebesbeweis finden, bei der deutschen Vereinigung zusehen und Nelson Mandela dafür gewinnen, die Spaltung von Donaustadt und Floridsdorf zu überwinden.

Auch wenn wir nicht darüber sprachen, wusste ich sehr wohl, dass als nächstes ich an der Reihe war, unsere Bewegung zu finanzieren, und so wälzte ich im Geheimen Pläne, um neue Geldquellen zu erschließen. Ich prüfte alle denkbaren Formen der Beschaffungskriminalität und erkundigte mich sogar nach der Möglichkeit, einige unwichtige Organe zu verkaufen. Als mir all das nicht lukrativ genug erschien, hatte ich die extreme Idee: Ich überlegte, meine Arbeitskraft zu verkaufen.

Doch so weit kam es nie, denn beim allerletzten Aufkleber wurden wir geschnappt.
 

Heute weiß ich, dass das, was wir damals taten, falsch war. Wir verbreiteten Angst und Schrecken, indem wir die Gesellschaft in ihren Grundfesten erschütterten. Dass das nicht lange gut gehen konnte, ist mir inzwischen auch klar.

So hatten wir großes Glück, dass wir eine Anzeige bekamen und vor Gericht gestellt wurden. Wer weiß, was sonst aus uns geworden wäre.

Einen Anwalt konnte ich mir nicht leisten, da ich ja bereits mein ganzes Taschengeld für Aufkleber ausgegeben hatte und meine Eltern der Ansicht waren, dass mir das eine Lehre sein sollte. Da aber in den Filmen, die ich gesehen hatte, alle, die einen Pflichtverteidiger nahmen, ausnahmslos im Gefängnis landeten, zog ich schließlich vor, mich selbst zu verteidigen.

Die Anklage lautete auf Sachbeschädigung: Meinen Einwand, dass die Liebe doch keine Sache und, falls doch, der Schaden ja bereits angerichtet sei, ließ das Gericht nicht gelten.

Als Jutta an der Reihe war, beteuerte sie, dass ich es gewesen war, der sie angestiftet hatte. Das schmeichelte mir, auch wenn es nicht ganz den Tatsachen entsprach: Wäre es nach mir gegangen, hätten wir in jener Nacht einfach nur Sex gehabt.

Dennoch sahen die Dinge nicht gut aus für mich. Das änderte sich erst, als sich der Richter in Jutta verguckte. Da sie ja bereits 18 war, hatte er dazu jedes Recht, und der Richter rechnete sich wohl aus, dass es seine Chancen bei ihr nicht verbessern würde, wenn er uns beide ins Gefängnis steckte.

Mich ließen sie schließlich laufen, da ich noch minderjährig war. Jutta hingegen blieb zurück und lenkte den Richter ab, indem sie ihre Zunge in seinen Mund steckte, was ich ihr bis heute hoch anrechne.

Während ich auf den Stufen des Gerichtsgebäudes in der Sonne saß und meine wiedergewonnene Freiheit genoss, liefen die beiden händchenhaltend an mir vorbei. Nach allem, was wir vereinbart hatten, muss es für Jutta hart gewesen sein.

“Das ist ja gar keine Liebe!” dachte ich mir, als sie zu ihm in den Porsche stieg, ließ das Thema dann aber ganz schnell hinter mir.

Über den Autor

Stefan

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