“Warum alles muss immer haben Happy End?” Olga hielt kurz inne, obwohl sie auf die Frage nicht wirklich eine Antwort zu erwarten schien. “Denke ich, ist von Kino.” behauptete sie schließlich. “Früher in Kino es gab auch schlechte End, verstehst du?”

Ich ächzte nur und grübelte still, wie wir bloß auf das Thema gekommen waren. Vom Fernseher im Nebenzimmer, der eben noch die letzten Wortspenden eines zweitklassigen Liebesdramas von sich gegeben hatte, drangen jetzt nur noch die aufdringlichen Fetzen der Weltnachrichten bruchstückhaft herüber.

Olga schien die Angelegenheit nicht loslassen zu können. “Erwachsenes Mensch wie Kind.” behauptete sie plötzlich und rammte mir dabei die Finger so fest zwischen die Schulterblätter, dass ich die Zähne zusammenpressen musste um nicht laut aufzuschreien. “Ständig muss sagen, dass alles wird gut. Wobei ist Blödsinn, weil wird niemals gut!”

Im nächsten Moment spürte ich einen Strahl kalten Öls auf meinem Rücken und hob instinktiv den Kopf – da fühlte ich jedoch bereits Olgas Hand von hinten.

“Musst du entspannen!” bemerkte sie und stieß mich mit dem Gesicht voran zurück in die Vertiefung der Massageliege. Einen zweiten Versuch wagte ich nicht.

Während Olga anfing, Rücken und Öl zu vermengen und schließlich dazu überging, beides zu einem glatten Teig zu verkneten, fragte ich mich, ob sie in ihrer Heimat wohl Bäckerin gewesen war.

“Wie schlimm muss Leben sein, dass immer muss sagen dass ist nicht schlimm!“

“Ich…” gab ich zu bedenken, doch da begann Olga auf einmal, meine Rückenmuskulatur mit den Fäusten zu bearbeiten.

“Schlimm muss Leben sein. Schlimm, schlimm, schlimm.” sagte sie, wobei sie mit jedem “schlimm” noch ein wenig fester zuschlug – wohl, um zu unterstreichen, wie ernst es ihr war mit der Härte des Lebens.

“Wenn nicht hat Hoffnung, braucht Hoffnung von andere. Nur ist Lüge! Aber ist egal. Sonst glaubt noch, dass falsch ist! – Ist wie alte Nazi. Alte Nazi kann auch nicht sagen, dass falsch ist, obwohl weiß dass falsch.”

Ich grunzte. Olga hatte gerade eine besonders schmerzhafte Verhärtung getroffen und drückte jetzt gnadenlos darauf herum.

“Denke ich, ist große Schmerz. Denke ich, weil hassen wir uns. Haben wir verloren Gefühl! – Aber brauchen wir Trost, nicht Happy End. – Happy End ist große Kurva!”

Olga hatte jetzt einen Schritt zurück gemacht, aber ich wartete noch einen Augenblick, ehe ich mich aus der Deckung traute.

“Wo du Recht hast, hast du Recht.” brummte ich schließlich – dann drehte ich mich erwartungsvoll auf den Rücken. “Kein Mensch braucht Happy Ends. Happy Ends sind für Idioten.”

“Bist du kluge Mann!” sagte Olga anerkennend. Dann sagte plötzlich niemand mehr etwas, und in der kurzen Pause beschlich mich auf einmal das ungute Gefühl, dass ich gerade etwas ausgesprochen Dämliches gesagt hatte.

Das zerschlissene rosarote Handtuch, mit dem mich Olga halbherzig abrieb, fühlte sich an wie Sandpapier. “Sind wir fertig!” verkündete sie zufrieden. “Kannst du wieder anziehen.”

Ich erhob mich unsicher von der Liege. Das Ende kam mir reichlich abrupt vor, aber vielleicht lag das auch an meinen Erwartungen – eine Dienstleistung wie diese hatte ich schließlich noch nie in Anspruch genommen. Olga sammelte mit einer schnellen Bewegung meine Kleidung vom Stuhl und drücke sie mir an die Brust. Dann öffnete sie die Tür.

Draußen wartete schon der nächste. Ehe ich recht wusste, wie mir geschah, hatte mich Olga bereits an ihm vorbei ins Vorzimmer bugsiert. Sie hauchte mir einen flüchtigen Kuss hinterher. “Bis bald!”

Ich öffnete den Mund – aber ehe ich noch etwas sagen konnte, hatte sich die Tür bereits wieder geschlossen.

Umständlich begann ich, zurück in meine Hose zu klettern. War es eigentlich üblich, vorab zu bezahlen?

Ich zog das Handy aus der Tasche und rief noch einmal das Inserat auf. “Ich nehme dich so richtig her.” stand dort. Und darunter: “Garantiert mit Happy End!”

In einem Anflug gerechter Empörung machte ich einen entschlossenen Schritt in Richtung Tür, verhedderte mich dabei jedoch in der halb angezogenen Hose und fiel der Länge nach hin. Leise fluchend raffte ich mich wieder auf, zog die Hose ganz nach oben und holte dann mit der Hand aus, um um so energischer gegen die geschlossene Tür zu hämmern.

Als ich auf einmal Olgas Stimme hörte, hielt ich jedoch inne. “Happy End ist große Scheiße!” dozierte sie. “Ist von Kino, ich denke.”

Ich ließ die Hand sinken.

Dann drehte ich langsam um, band mir mit einem breiten Grinsen die Schuhe zu und verließ laut lachend die Wohnung.

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Stefan

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