Gestern hatte ich etwas zu sagen, aber sie nahmen mir das Megaphon weg, sodass mich niemand hören konnte. Sie nannten das Diktatur.

Als ich heute etwas sagen wollte, teilten sie an alle Megaphone aus, sodass mich niemand hören konnte. Sie nannten das Meinungsfreiheit.
 

Die Revolution wurde niedergeschlagen, ohne dass ein einziger Schuss fiel. Wir rissen einfach die Schwelle ein und schickten jeden der Tippen konnte, ins Internet. Danach dann auch jene, die nicht tippen konnten.

Wir erfanden Blogs, gaben jedem eine Stimme und sagten allen, dass sie etwas zu sagen hätten – insbesondere jenen, die ursprünglich gar nichts zu sagen hatten.

Wir erhoben die freie Meinung zum heiligen Gral und ächteten alle, die dagegen waren. Wir bekämpften Demokratie mit Demokratie, Freiheit mit Freiheit und Redefreiheit mit Redefreiheit. Demokratie erklärten wir zum Selbstzweck, die Freiheit erstickten wir in leeren Hülsen und die Redefreiheit ersäuften wir in ihrem eigenen Saft.

Als wir entdeckten, dass man Individuen nicht kontrollieren kann, taten wir alles, um in der Masse aufzugehen. Wir strebten an, was ihr schon hattet, und traten, was an uns besonders war, mit Füßen. Wir unterwarfen uns eurem Urteil, und ihre unterwarft euch dem unsrigen. Was euch gefiel, erklärten wir zur Wahrheit – was euch nicht gefiel, amputierten wir bereitwillig.

Als wir dazu übergingen, die anderen zu vernichten, weil sie nicht so frei sein wollten wie wir, fiel uns das nicht auf – also machten wir immer weiter.

Als die anderen endlich die freie Wahl forderten, weinten wir ergriffen, und als sie statt dessen den freien Markt bekamen, waren wir getröstet.

Am meisten rührte uns jedoch, wenn sie sich gegen die Panzer stellten, weil wir dabei erkannten, dass sie etwas besaßen, das wir selbst nicht hatten. Wir sahen, dass sie einen Gegner hatten, gegen den sie kämpfen konnten, und es erfüllte uns mit Neid.

Unseren eigenen Gegner hatte wir schon lange aus den Augen verloren. Als wir ihn endlich wieder fanden, entdeckten wir ihn in unserem Spiegelbild, und es verwirrte uns. Wir hätten lachen oder weinen können – und tatsächlich wäre beides Ausdruck unseres Widerstandes gewesen.

Statt dessen waren wir so frei und taten gar nichts. Wir saßen einfach nur da.

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Stefan

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