Es gibt einen Unterschied zwischen Leben und Tod.

Da ist dieser Moment, wenn das Herz gerade noch geschlagen hat und dann auf einmal nicht mehr schlägt, dieser erste Augenblick des Nichtschlagens, der an sich völlig unbedeutend wäre, wäre da nicht der Umstand, dass er ewig dauert. Zuerst also das Schlagen: ungezählte Momente, einer nach dem anderen, viele Jahre lang. Dann aber das Nicht-Schlagen: ein einzelner Moment, der nie aufhört.

So ist denn auch das Gefühl, wenn du so da sitzt, die Hände in ihre Kehle versunken – und den Griff dann ganz langsam löst: Du betrachtest ihren leblosen Körper unter dir und starrst dabei die Unendlichkeit an – jene Unendlichkeit, von der sie ein Leben lang nur geborgt war, und der du sie eben zurückgegeben hast.

Du kannst Opern komponieren und Gedichte schreiben. Du kannst Brücken bauen oder Kontinente entdecken. Du kannst sogar Menschen heilen! Und sie können dir für all das Denkmäler setzen, aber irgendwann werden die Denkmäler verwittern, und das war’s dann, denn wer baut heutzutage schon neue Denkmäler – also neue Denkmäler für alte Taten, an die sich keiner mehr erinnern kann?

Tötest du einen Menschen, hast du etwas getan das ewig hält.

Das Mädchen? Nicht wichtig. Was zählt, ist die Schuld – die Schuld, die du auf dich lädst, genau in dem Bruchteil eines Augenblicks, in dem ihr Herz zum ersten Mal nicht mehr schlägt.

Auch die Schuld währt ewig.

Und die Einsamkeit? Gerade noch zu zweit im Raum und jetzt nur einer – obwohl die Tür geschlossen blieb. Deine Einsamkeit ist vollkommen in diesem Moment – nicht weil sie gegangen ist, sondern wegen der Schuld, die du nicht teilen kannst.

Und doch bist du nicht allein in dem Moment, in dem sie geht, denn du verbringst ihn ja mit ihnen: In dem Moment, in dem sie geht, überantwortest du dich ihnen und gibst ihnen die totale Macht über dich. In dem Moment, in dem ihr Herz zum ersten Mal nicht mehr schlägt, gibst du ihnen dein Ja-Wort – ein Ja-Wort, das selbst der Tod nicht scheiden kann, da er es war, der euch verbunden hat.

Die Panik verfliegt. Du musst jetzt keine Angst mehr haben: Die Schuld, die dir dein Leben lang im Nacken saß, sie lauert nicht mehr hinter dir. Du hast sie gestellt, und jetzt steht ihr da – von Angesicht zu Angesicht.

“Das hätte nie passieren dürfen!” sagst du dir, und meinst damit doch nur, dass es passieren musste.

Zurück? Die Brücke, über die du gegangen bist, sieht das nicht vor.

In dem Moment, in dem ihr Herz zum ersten Mal nicht mehr schlägt, ist es entschieden – ihr Leben, und deins. Die Zeit läuft – nicht davon, sondern geradewegs auf dich zu. Wenn deine Zeit gekommen ist, sind sie da.

Kontrollverlust? Nicht doch. Du gehörst jetzt ihnen, weil du es wolltest. Du wolltest dich spüren, werden sie sagen – doch das ist nicht wahr. Du hast getötet um sie zu spüren.

Die Anwendung der Macht verlangt ein Opfer. Um dein Verlangen zu stillen, stillst du das ihre. Damit du etwas spürst. Damit du sie spürst.

Ihre Schuld?

Nicht mehr. Du opferst dich für ihre Schuld und nimmst sie ganz auf dich.

Du bist schuld.

Du, ganz allein.

Über den Autor

Stefan

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