Es hätte nicht so kommen müssen, denke ich mir, und erinnere mich dabei unwillkürlich an meine ersten Freundin, als es dann endlich aus war – diesmal endgültig.

Denn dass es nicht so hätte kommen müssen, das ist natürlich gelogen, wie eigentlich immer, wenn Sprache im Spiel ist. Tatsächlich hätte es gar nicht anders kommen können: Sprache und ich, wir sind wie für einander geschaffen. Also, als Todfeinde. Das ist so angelegt. Aber natürlich ist es nicht meine Schuld – es ist die Schuld der Sprache.
 

Wer behauptet, die Sprache zu beherrschen, verkennt die Umstände. Es ist die Sprache, die uns beherrscht. Mit parasitärer Entschlossenheit bohrt sie ihre Gedankengänge in unsere Gehirne und gibt dabei vor, eine Fertigkeit zu sein – aber auch das ist gelogen, wie fast alles in meinem Leben eine Lüge ist, seit ich mich mit Sprache infiziert habe.

Wäre die Sprache eine Fertigkeit, hätten wir die Wahl. Doch die Wahl hatte ich nie. Als sie in mein Leben trat, konnte ich nicht nein sagen. Meinen Eltern unterstelle ich Vorsatz – so wie damals, als sie mich absichtlich zu meinen Geschwistern steckten, als diese Röteln bekamen, einfach um es hinter sich zu bringen. Röteln wurde ich wieder los. Die Sprache nicht.

Sprache vergiftet unsere Wahrnehmung. Wo sie gedeiht, stirbt die Fähigkeit, die Welt in ihrer einmaligen Ganzheit zu sehen – begraben unter einem kleinlichen System aus Schubladen und Kategorisierungen. Indem wir uns Worte aneignen, müssen wir auch die mit ihnen verbundenen Gefühlswelten anwenden – emotional-geistige Fertigteile, denen wir uns nie wieder entziehen können.

Um Luft zu bekommen, reise ich in ferne Länder, in denen meine Sprache keine Macht über mich hat. Kuraufenthalte sind das, die mich an immer exotischere Destinationen führen: Russland, China, Indonesien, Neukölln. Was andere dort für Sprache halten, ist Musik in meinen Ohren.

Von dem kahlköpfigen Fettwanst, der mich auf der Straße anschnauzt, verstehe ich alles Wesentliche: Er ist wütend und unzufrieden – ein Wortschwall wie Regen aus einer Wolke, die sich an einem Berghang ausweint. Seine Rationalisierungen sind verloren, in den Spalt gefallen zwischen seiner Sprache und der meinigen. Jeder Schatten einer Rechtfertigung löst sich auf in angenehmer Vergeblichkeit.

Die Durchsage in der U-Bahn-Station baut auf mein Verständnis und scheint daraus Gehorsam abzuleiten. Nur – ich verstehe nichts. Widerstand ist zwecklos, da unnötig – die Stimme gleitet sanft an mir ab und lässt mein Bedürfnis nach Unterwerfung ungestillt zurück.

Werbeplakate brüllen mir meine Unvollkommenheit schon von weitem entgegen. Als ob Konsum die Lösung wäre! Weil ich nicht begreife, was genau zu konsumieren ist oder wie das anzustellen wäre, darf ich unvollkommen bleiben.

Ich lausche den Gesprächen der anderen, und habe nach einer Weile das Gefühl zu verstehen – mehr zu verstehen als jemals zu Hause, sogar umfassender zu verstehen als die Sprechenden selber. Ich nehme die Töne und Geräusche wahr und fühle den Rhythmus. Ich habe Zeit, mich mit den Gesichtern zu beschäftigen und längst verloren geglaubte Fähigkeiten zu entdecken – ich lerne wieder wortlos zu lesen und intuitiv zu erkennen, ob die Sprachmelodie eine Musik des Wohlwollens ist, eine Elegie leiser Verführung oder aber eine Symphonie der Missachtung.

Wer regelmäßig auf Kur geht, kann sich dem Eindruck nicht entziehen, dass Sprache in den Alltagsdingen überbewertet wird. Wenn ich zum Bäcker gehe, muss mir der Bäcker nicht sagen, dass das frische Brot frisch ist – das kann ich riechen. Der Bäcker muss mir aber auch nicht sagen, dass das alte Brot frisch ist, denn verarschen kann ich mich auch selber.

Ein einfaches Lächeln in Kombination mit ein paar Gesten deckt das Wesentliche ab. Für den persönlichen Ausdruck genügt ein Katalog des Brabbelns – einfache Lautfolgen, zwischen denen Gefühle Platz haben. So kann ich wieder Kind sein – frei in meinem Empfinden wie damals, bevor ich an Sprache erkrankte.

Lange habe ich mich gefragt, warum es Menschen gibt, die zehn Jahre in einem fremden Land leben und nie die Sprache lernen. Nun macht es Sinn.

Doch das Immunsystem hält nicht ewig stand: Früher oder später infiziert sich jeder. Ein dauerhaftes Zuhause kann es unter diesen Umständen fast nicht geben. Und so ist man immer auf der Flucht.
 

Ich müsste lügen – schon wieder lügen – wenn ich sagen würde, dass ich die Dinge nicht von Anfang an kommen gesehen habe: Sprache ist ein Instrument der Kontrolle. Wir verstehen um zu gehorchen. Wir sprechen um zu gestehen.

Alles andere ist ein Versehen.

Alles andere, das kommt erst später.
 

Ich klebe das Etikett “Frieden” auf die Toten, und das Etikett “Liebe” auf meinen Missbrauch. Auf meine Ausbeutung klebe ich das Wort “sozial”, und aus meinen Sklaven mache ich Beschäftigte. Meine industriellen Fleischabfälle nenne ich Landwurst und meinen Wucher günstig. Meine Aggression entfache ich im Namen des Selbstschutzes und meine Unterdrückung im Namen der Freiheit.

Nachdem ich auf diese Art die Welt beklebt habe, lehne ich mich zurück und betrachte die Etiketten der anderen. Was mir daran nicht passt, etikettiere ich als Missbrauch. Ich behaupte, damit ein Stück Wahrheit entdeckt zu haben, und betone, dass es sich um schockierende Ausnahmen handelt und nicht etwa um den bestimmungsgemäßen Gebrauch von Sprache.

Was sich unter den Etiketten befindet, habe ich längst vergessen, doch werde ich den Verdacht nicht los, dass es etwas ist, das man mit den Sinnen wahrnehmen kann – etwas, das mit Fühlen zu tun hat.
 

Ich. Liebe. Dich. Wie oft habe ich diese Worte gesagt? Wie oft habe ich sie gehört? – Und wie oft haben sie gestimmt? Wie oft haben sie vielleicht teilweise gestimmt, dienten aber nicht dem Ausdruck einer Teilwahrheit, sondern der Behauptung einer Teillüge? Wie oft haben sie zwar gestimmt, dienten aber gar nicht dem Ausdruck der Wahrheit, sondern der Manipulation des Gegenübers?

Wahrheit braucht die Sprache nicht – solange uns die Worte fehlen, ist die Wahrheit in Sicherheit. Es ist die Lüge, die auf Sprache angewiesen ist.

Wir flüchten uns in Sprache, um jene Leere zu füllen, die der Verrat an unserer eigenen Wahrnehmung hinterlassen hat – eine Leere, die es doch nur gibt, weil wir gelernt haben, unseren Gefühlen zu misstrauen und uns auf Worte zu verlassen. So steht denn die Sprache zwischen uns und dem, was von unseren Gefühlen übrig ist.

Indem ich schreibe, versuche ich mich durch die Sprache zu graben, die mich von meinen Gefühlen trennt. Schreiben ist insofern eine Form des Scheiterns, ein Hängenbleiben, ein Nicht-Überwinden von Sprache. Wer die Sprache überwunden hat, kann damit aufhören.

Ich greife nach dem ersten Wort und stelle mit Entsetzen fest, dass es nicht trägt, obwohl es doch angeblich das richtige ist – ich schnappe in Panik nach immer anderen Worten – und gehe unter. Verzweifelt klammere ich mich an die Worte, doch sie ziehen mich in die Tiefe. Ich lasse los, beginne zu strampeln, schlucke die ersten Buchstaben. Dunkelheit umgibt mich, Todesangst – ich komme wieder nach oben, ich weiß nicht wie, ich durchstoße die Oberfläche und japse nach Luft, ich rudere mit meinen Armen, greife nach immer mehr Worten, raffe zusammen was ich fassen kann, forme Flöße aus Sätzen, und Rettungsinseln aus Absätzen, ein ganzes Schiff aus Sprache, hieve mich hinein mit letzter Kraft – und kentere Augenblicke später.

Schriftsteller wird man nicht aus Talent – Schriftsteller wird man aus Unvermögen.

Über den Autor

Stefan

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