Es war schon spät und ich hatte mich in einer Seitenstraße verlaufen. Das war mir um diese Uhrzeit schon öfter passiert – in meinem eigenen Kiez allerdings noch nie.

Es war einer dieser Abende gewesen an denen nichts funktioniert – eine Kneipe zuvor war mir das Handy ins Klo gefallen, auf dem Nachhauseweg hatte sich jemand vor unsere U-Bahn geworfen und das Taxi, das ich statt dessen genommen hatte, wurde von einem anderen Taxi abgeschossen, weshalb ich es schließlich vorgezogen hatte, zu Fuß zu gehen. Eben war auch noch die Straßenbeleuchtung ausgefallen – und als gerade die ersten Tropfen fielen, tauchte vor mir am Ende der Straße auf einmal das grell-weiße Neonschild einer Bar auf. Fast hätte ich geschworen, dass es eben erst eingeschaltet worden war – aber das war um die Uhrzeit eigentlich nicht möglich.

Die Bar hatte geschlossen – oder so schien es jedenfalls – erst als ich ein letztes Mal frustriert an dem riesigen, silberglänzenden Griff riss, öffnete sich die Eingangstür einen Spalt, nur um im nächsten Moment wieder resolut zurück ins Schloss zu fallen. Ich packte den Griff mit beiden Händen, und so gelang es mir schließlich, die Tür gerade so weit aufzuziehen, dass ich hindurchschlüpfen konnte.

Das Lokal selbst war dunkel, bis auf das fahle Licht, das von der Bar kam, und die beleuchtete Diskokugel in der Mitte des Raumes, die tausend kleine Lichter über plüschige Stühle und leere Holztische schickte. Die Luft, und das war das eigentlich Seltsame, war erfüllt von Vogelgezwitscher.

In einer hinteren Ecke der Bar lehnte der gelangweilte Barkeeper und polierte mit einem Handtuch eines der Biergläser.

Als ich schon fast bei der Bar war, sah der Barkeeper plötzlich auf. “Ich habe dich nicht reinkommen gehört.” sagte er langsam, und es klang ein wenig vorwurfsvoll. Dann widmete er sich wieder dem Glas, und beachtete mich nicht weiter.

Ich zog meinen Mantel aus und legte ihn über einen der Barhocker. Als mich der Barkeeper noch immer ignorierte, räusperte ich mich schließlich. “Was für Bier habt ihr denn?” fragte ich.

Der Barkeeper sah auf. “Flensburger vom Fass. Außerdem noch Berliner Kindl, Budweiser, Efes, Holsten, Jever, Lech, Pilsner Urquell, Tannenzäpfle, Sternburger, Tegernseer und Tyskie. – Köstritzer haben wir natürlich auch.”

Ich nickte anerkennend. “Dann ein Flens bitte.”

Der Barkeeper sah mir fest in die Augen und schüttelte langsam den Kopf.

“Doch kein Flens?” sagte ich prüfend. “Dann eben ein Jever. Ist eigentlich eh auch egal. Ich…”

“Ist verboten.” sagte der Barkeeper nur, und widmete sich wieder dem Glas. Seine zur Schau gestellte Arroganz begann mich jetzt allmählich zu nerven.

“Was ist verboten? Jever? Seit wann ist Jever verboten?!” Ich lachte halbherzig.

“Kannst du lesen?” fragte der Barkeeper, nun ebenfalls genervt, und wedelte mit dem Handtuch zum anderen Ende der Bar hin.

Ich lehnte mich zurück: “Trinken verboten!” stand dort auf einer schäbigen roten Holztafel, die jemand ziemlich rustikal an den Tresen genagelt hatte.

“Ich dachte, das ist eine Bar!” rief ich entsetzt aus. “Heißt das, ich bekomme hier nichts zu trinken?!”

“Aber natürlich bekommst du was zu trinken.” sagte der Barkeeper, als ob es sich dabei um eine reine Lappalie handelte. “Du musst dich dazu einfach nur anstellen.”

“Anstellen…?” fragte ich hoffnungsvoll, kam mir aber im nächsten Moment ziemlich dämlich vor: Die Bar war völlig leer. “Wo ist denn die Schlange?” fragte ich listig.

Die Augen des Barkeepers weiteten sich – dann nickte er nachdenklich, als ob das ein Problem war, mit dem er sich bisher noch nicht auseinandergesetzt hatte. “Du hast Recht! – Dann bekommst du auch nichts zu trinken. Falls es dich tröstet – da bist du nicht der erste.”

Ich schüttelte fassungslos den Kopf. “Was ist das bitte für eine beschissene…?”

“Dies ist die Bar der Erkenntnis.” sagte der Barkeeper ruhig – es schien, als ob er genau auf diese Frage gewartet hätte.

“Und???”

Der Barkeeper seufzte. “Von allen Bars in Berlin darfst du trinken – nur nicht von der Bar der Erkenntnis.”

“Sagt – wer?”

Der Barkeeper zuckte die Achseln. “Das ist unser Motto. Bei all der Konkurrenz in Berlin braucht man als Bar ja wohl ein Alleinstellungsmerkmal. Aber ich sehe schon, von Marketing verstehst du nichts.”

Ich war für einen Moment sprachlos – dann besann ich mich jedoch auf das Wesentliche. “Wie oft habt ihr denn hier eine Schlange?” fragte ich.

“Diesen Monat, oder insgesamt?”

Ich rollte mit den Augen.

“Bisher hatten wir noch keine.” sagte der Barkeeper unbekümmert.

“Ob das vielleicht am Trinkverbot liegt?” Ich konnte mir ein süffisantes Grinsen nicht verkneifen.

“Ich glaube nicht.” erwiderte der Barkeeper störrisch.

“Das Geschäft läuft also gut, ja?”

“Geht so.” murmelte der Barkeeper. “Dass die Bar eröffnet hat, muss sich eben erst noch rumsprechen. Wir haben ja auch erst seit April offen.”

“Wir haben jetzt Oktober.” bemerkte ich. “Und ich sage dir, es liegt am Trinkverbot.”

Der Barkeeper murmelte irgendetwas Unverständliches vor sich hin, hielt dann jedoch inne. “Ja, das könnte Teil des Problems sein.” brummte er schließlich.

“Habt ihr denn wenigstens was zu essen?”

Der Barkeeper deutete auf eine Schale mit Äpfeln, die unmittelbar unter dem roten Schild auf dem Tresen stand.

Ich nahm einen Apfel in die Hand, legte ihn aber gleich wieder zurück. “Die sind aus Wachs.” sagte ich.

“Natürlich sind sie aus Wachs!” sagte der Barkeeper ungläubig. “Wir sind ja auch eine Bar, und kein Restaurant.”

Ich schüttelte bloß noch den Kopf und griff nach meinem Mantel. Der Blick des Barkeepers lastete schwer auf mir, während ich in die Ärmel schlüpfte und anfing, den Mantel zuzuknöpfen.

“Was wird DAS jetzt? – Wo willst du hin?!”

“Na was wohl. Ich gehe!” erwiderte ich kühl.

Der Barkeeper schien auf einmal wie vom Donner gerührt. Für einen Moment sah er mich völlig regungslos an, dann brach er plötzlich in Tränen aus.

Ich hatte die Hand bereits auf den Türgriff gelegt, ließ jetzt aber wieder ab. Ich zögerte.

Der Barkeeper nahm eine Serviette von der Bar und schnäuzte sich lautstark. Im nächsten Moment schien er sich wieder unter Kontrolle zu haben. “Möchtest du etwas trinken?” Der Barkeeper schniefte ein letztes Mal, dann sah er mich so hoffnungsvoll an, als ob ihm soeben eine grandiose Idee gekommen wäre. “Wir haben auch Bier!!! Flens zum Beispiel, und…”

“Ach, lass mal.” unterbrach ich ihn. “Es war eine lange Nacht. Ich bin jetzt einfach nur müde.”

Ich warf mich mit aller Gewalt gegen die Eingangstür, und im nächsten Moment stand ich auf der Straße. Die Straßenbeleuchtung funktionierte zwar noch immer nicht, aber dafür ging jetzt allmählich die Sonne auf, und so fand ich schließlich den Weg nach Hause.
 

Als ich einige Wochen später mit der U-Bahn unterwegs war, stieg ich extra eine Station früher aus, um auf dem Nachhauseweg noch einmal durch die Seitengassen zu kommen, in denen ich mich damals verlaufen hatte – aber die Bar der Erkenntnis war verschwunden.

An der gegenüberliegenden Ecke hatte dafür ein Dönerladen aufgemacht, und als mir von hinter der Scheibe auf einmal jemand zuwinkte, verlangsamte ich meinen Schritt und spähte neugierig in die Auslage. Der Verkäufer lehnte in der Ecke neben dem Dönerspieß und polierte mit dem Handtuch die Tomaten. Der Anblick war irgendwie seltsam, aber auch seltsam vertraut, und so lächelte ich freundlich – erst, als mein Blick auf einmal auf das große rote Schild mit der Aufschrift “Yasak Yemek!” fiel, erstarrte ich – und ging dann ganz schnell weiter.

Über den Autor

Stefan

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