Es war eigentlich bloß Zufall, dass ich in jener verregneten Montagnacht ausgerechnet in der Oranienburger Straße unterwegs war. Der Gehsteig war fast menschenleer und außer meinen eigenen Schritten war kein Geräusch zu hören – umso mehr zuckte ich zusammen, als mich von hinten auf einmal eine Frauenstimme rief.

“Na, Süßer – wo soll’s denn hingehen?”

Ich drehte mich um: Auf einer Bank, die durch den darüber liegenden Balkon vor dem Regen geschützt war, saß im Halbdunkel eine Frau in grellen Strumpfhosen und langen Lackstiefeln. Es war offensichtlich, dass sie zu den Damen gehörte, die hier üblicherweise ihre Dienstleistungen feilboten – auch wenn die überdimensionale Handtasche, die neben ihr auf der Bank lag, nicht ganz ins Bild passen wollte.

Ich lächelte bloß und wollte weiter gehen – aber da sprang die Frau plötzlich auf und packte mich am Arm.

“Ich bin die Liebe!” rief sie, und in Anbetracht der Umstände musste ich lachen.

“Du glaubst mir nicht!” schrie sie, und hauchte mir mit ihren Worten eine beträchtliche Alkoholfahne entgegen.

“Natürlich glaube ich dir.” sagte ich so ruhig wie möglich. “Du bist die Liebe.”

Die Liebe machte einen Schritt zur Seite und begann wie blöd zu grinsen. “Ich bin die Liebe.” wiederholte sie kichernd. “Das stimmt!”

Dass die Liebe jetzt im Regen stand, schien ihr nichts auszumachen. Sie hatte mich inzwischen wieder losgelassen, aber irgendetwas schien mich daran zu hindern, weiter zu gehen.

“Ich bin die Liebe!” schrie sie jetzt wieder, immer und immer wieder. “Ich bin die Liebe! Ich BIN die Liebe!!!”

“Du wirst nass.” warf ich schließlich ein, und fasste sie am Arm. Ich bemühte mich, sie sanft ins Trockene zu ziehen, aber statt dessen versuchte sie mich weiter hinaus auf den Gehsteig zu zerren. Schließlich überließ ich ihr den Regenschirm und setzte mich neben ihre Handtasche unter den Balkon.

“ICH BIN DIE LIEBE!!!” brüllte die Liebe aus Leibeskräften. Dazu schwang sie jetzt den Schirm wie eine Ballerina.

“Halts Maul.” rief endlich jemand aus einem der Fenster hoch über uns.

“Fick dich!” schrie daraufhin die Liebe. Der Zwischenruf schien sie jedoch aus dem Konzept gebracht zu haben, denn sie ließ den Schirm sinken. Schließlich drehte sie um und kam langsam auf mich zu.

“Ich bin die Liebe?” fragte sie kleinlaut.

“Du bist die Liebe.” bestätigte ich.

Die Liebe setzte sich neben mich auf die Bank. Ihre Hände hielten den Schirm jetzt so fest umklammert, dass ihre Knöchel weiß waren.

Dann fing sie auf einmal an zu heulen.

Ich sah mich ratlos um, aber außer uns war weit und breit niemand zu sehen.

“Ist doch nicht so schlimm?” fragte ich unsicher.

“Die Maschinen haben ihn getötet.” schluchzte die Liebe.

“Wie getötet. Wen denn?” fragte ich erschrocken.

“Na – den Zufall.” sagte die Liebe. “Sie haben den Zufall getötet.”

“Verpisst euch!” rief die Stimme von oben, aber die Liebe schien es nicht zu hören.

“Den Zufall?” fragte ich und versuchte, mir die Erleichterung nicht anmerken zu lassen.

“Der Zufall ist mein Nachbar, weißt du?” Die Liebe zog den Rotz hoch und sah mich dabei so hoffnungsvoll an, als hätte sie gerade mich dazu auserkoren, ihren Worten einen tieferen Sinn abzuringen.

Ich nickte, um ihre Erwartungen nicht zu enttäuschen. Erst jetzt fiel mir auf, wie heruntergekommen die Liebe war: Es war offensichtlich, dass sie schon einiges hinter sich hatte, aber das allein war es nicht. Es war, als hätte sie einen Verkehrsunfall hinter sich oder vielleicht auch mehrere, auch wenn sie äußerlich nicht verletzt zu sein schien.

“Ich kannte den Zufall nicht besonders gut.” bemerkte die Liebe auf einmal.

“Wohl mehr eine Zufallsbekanntschaft…” feixte ich und wünschte mir im nächsten Augenblick, ich hätte die Bemerkung für mich behalten.

Die Liebe warf mir einen Blick zu, und für einen kurzen Moment blitzte etwas völlig Waches und Klares in ihren Augen auf. “Er war immer gut zu mir.” sagte die Liebe. “Wäre der Zufall nicht immer für mich dagewesen, würde es mich schon längst nicht mehr geben.”

Dann sagte die Liebe eine Weile nichts mehr – erst, als ich schließlich zu ihr hinüber sah, bemerkte ich, dass sie wieder leise zu weinen begonnen hatte.

Ich zögerte kurz, dann legte ich ganz vorsichtig die Hand auf ihren Rücken. In diesem Moment ging ein Weinkrampf durch ihren Körper – dann noch einer – eine Welle nach der anderen, als wollte sie nie wieder damit aufhören. Schließlich ließ das Zittern jedoch ganz langsam nach, und allmählich beruhigte sie sich wieder.

“Was soll jetzt aus mir werden?” sagte die Liebe tonlos. Sie richtete sich auf und begann, umständlich in ihrer Handtasche zu kramen. Als sie ein altes, bereits mehrfach benutztes Taschentuch zutage förderte, griff ich instinktiv in meine Jackentasche, aber da begann sich die Liebe bereits laut trompetend zu schnäuzen.

Die Liebe verstaute das Taschentuch wieder in ihrer Handtasche und rieb sich die Nase. “Wer ist das nächste Opfer, wenn der Zufall tot ist? Na?”

“Ich weiß es nicht.” sagte ich leise.

“Na, die Liebe.” murmelte die Liebe, und blickte mit starrem Blick auf den Boden.

Die Polizeisirene hatte ich nicht gleich bemerkt, aber als der nasse Gehsteig im Blaulicht zu pulsieren begann, wusste ich sofort, dass der Einsatz uns galt.

Als die Polizisten aus dem Wagen stiegen und auf die Liebe zugingen, strahlte sie in blauem Licht.

“Ich bin die Liebe!” rief sie zur Begrüßung.

“Natürlich sind Sie die Liebe.” sagte einer der Polizisten. Es war offensichtlich, dass dies zu der üblichen Deeskalationsroutine gehörte.

“Und wer sind Sie?” wandte sich der zweite Polizist jetzt an mich. “Ist das Ihre Freundin?”

“Ich kenne sie nicht.” sagte ich hastig, und fühlte mich im nächsten Moment wie ein Verräter.

Der erste Polizist ging auf die Liebe zu und nahm sie am Arm – sie ließ sich, ohne Widerstand zu leisten, zum Streifenwagen geleiten.

“Ich glaube, sie ist verletzt.” sagte ich nur, aber die Polizisten schienen es nicht zu hören.

Den Alkoholtest ließ die Liebe mit einer gewissen Routine über sich ergehen. Wie sich herausstellte, hatte sie über zwei Promille Alkohol im Blut.

“Und was passiert jetzt mit ihr?” fragte ich den zweiten Polizisten, der inzwischen neben mir unter dem Balkonvorsprung eine Zigarette rauchte.

Der Polizist zuckte die Achseln. “Kommt jetzt mal in die Ausnüchterungszelle. Morgen lassen wir sie wieder laufen.”

Ich nickte bloß.

Der Polizist schien sich schon zum Gehen gewandt zu haben, hielt dann jedoch inne.

“Gestern war die Freiheit hier. Selbe Nummer. Schrie wie wild herum und meinte, dass der Zufall tot ist.” Er rollte mit den Augen. “Was kommt morgen – die Hoffnung?”

Ich lachte bemüht, aber der Polizist lachte nicht mit.

“Diese Stadt geht den Bach runter…” murmelte er bloß. Während er durch den Regen zum Wagen zurück ging, ließ ich mich erschöpft auf die Bank fallen. Die Türen knallten zu, und der Polizeiwagen rollte an – das Blaulicht erlosch, und der Wagen verschwand in der Nacht.

Über den Autor

Stefan

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