Ich war noch im Blumenladen gewesen, aber für die Verabredung mit Käthe war es immer noch zu früh – also setzte ich mich in der Hasenheide auf eine Parkbank, zog den Roman, den ich immer bei mir hatte, aus der Tasche und fing an zu lesen.

Ich war erst ein paar Absätze weit gekommen, als es im Gebüsch neben mir auf einmal zu rascheln begann. Ich hielt kurz inne, dann las ich jedoch weiter – dass es keine Ratte war, begriff ich erst, als mich ein greller Lichtblitz auf einmal jäh von der Lektüre auffahren ließ. Im Gebüsch neben mir entlud sich jetzt eine Elektrizität, als ob dort gerade eine ganze Trafostation durchbrannte.

Im nächsten Moment trat ein nackter Mann aus dem Gebüsch. Der Nackte war fast so breit wie hoch und kam mir irgendwie bekannt vor. “Sind Sie nicht Arnold Schwarzenegger?” fragte ich nach kurzer Nachdenkpause.

Der andere reagierte jedoch nicht – statt dessen fixierte er mich mit durchdringendem Blick. “Ich habe den Auftrag, dich zu terminieren.” behauptete er schließlich, und seine Stimme klang dabei kalt und unnötig gefühllos.

Wie zum Beweis riss der Terminator im nächsten Moment den Laternenmasten neben sich aus der Verankerung und machte einen fiesen Knoten hinein. Als er mich schließlich wieder ansah und seine Augen dabei rot zu glimmen begannen, fiel mir vor Schreck das Buch aus der Hand.

Das blieb auch dem Terminator nicht verborgen. “Dir ist da etwas aus der Hand gefallen.” bemerkte er scharfsinnig.

Ich nickte, sah den Terminator kurz an und blickte danach wieder auf das Buch.

“Heb es auf!” forderte der Terminator.

Um den Terminator nicht zu verärgern, tat ich was er verlangte und griff nach dem Buch. Dann fing ich an, den Staub vom Einband zu fegen.

“Was ist das?” fragte der Terminator mit mechanischer Stimme, und ich brauchte einen Augenblick, bis ich begriff, dass er das Buch meinte.

“Träumen Androiden von elektrischen Schafen” las ich vom Einband, während ich versuchte, auch das Eselsohr, das sich das Buch bei dem Sturz zugezogen hatte, wieder zu glätten. “Der Autor heißt Philip…”

“Ist es kaputt?” unterbrach mich der Terminator, und für einen Augenblick meinte ich, in seiner Stimme so etwas wie Besorgnis zu hören.

Ich sah den Terminator verwundert an. “Es ist ein Buch!”

Der Terminator schien die Erklärung nicht zu verstehen, hatte die Fragestellerei aber offenbar satt. “Gib mir das Buch.” sagte er bloß.

Er legte den Laternenmasten neben sich auf den Gehweg und nahm dann beinahe zärtlich das Buch aus meiner ausgestreckten Hand. Er drehte es hin und her und betrachtete es von allen Seiten. Schließlich ließ er es über die Kante seiner Handfläche kippen, sodass es erneut zu Boden fiel.

“Heh!” entfuhr es mir.

“Es ist mir hingefallen.” log der Terminator, und ich ließ es dabei bewenden – schließlich wollte ich ihn nicht auch noch reizen.

Der Terminator bückte sich blitzschnell und hob das Buch wieder auf. In wenigen Sekunden hatte er es durchgeblättert – dann machte er ein verblüfftes Gesicht. “Wie lädt man es auf?” fragte er.

“Gar nicht.” erwiderte ich.

Der Terminator machte ein surrendes Geräusch, wie bei einer Kamera, die vergeblich den Autofokus sucht.

“Es funktioniert ohne Strom!” erklärte ich, nicht ohne Stolz, Besitzer einer derart ausgeklügelten Erfindung zu sein.

Im nächsten Moment holte der Terminator aus und schmetterte das Buch mit geradezu übermenschlicher Wucht auf den Boden, wobei der Einschlag eine beträchtliche Staubwolke verursachte.

“Entschuldigung.” sagte der Terminator.

Ich seufzte leise, während der Terminator das Buch wieder aufhob und es einen Moment lang regungslos anstarrte.

Dann drehte er sich wieder zu mir. “Darf ich das behalten?” fragte er sehr höflich.

Ich zuckte die Achseln. “Klar doch. Wenn du mich terminierst, brauche ich es ja nicht mehr. Also behalte es ruhig.”

“Danke, das ist sehr freundlich.” erwiderte der Terminator, nur um im nächsten Augenblick wieder zur Tagesordnung überzugehen. Er packte routiniert den Laternenmasten und schien damit bereits auszuholen – hielt dann jedoch neuerlich inne.

“Wozu hast du diese Organismen bei dir?” fragte er, und deutete auf die Bank neben mir.

Ich runzelte die Stirn. „Die hier?“ Ich legte die Hand sanft auf den Blumenstrauß, den ich für Käthe gekauft hatte. “Das sind Rosen.”

“Rosen.” wiederholte der Terminator. “Wozu dient das?”

“Äh. Das sind Blumen. – Die benutzt man, wenn man jemand mag. Wir drücken damit unsere Zuneigung aus.”

“Ich weiß, dass das Blumen sind!” behauptete der Terminator, und klang dabei ein wenig schnippisch – vielleicht schnarrte seine Stimme aber auch nur deshalb so unangenehm, weil seine Prozessoren gerade auf Hochtouren arbeiteten. “Rosen – drücken – Zuneigung – aus” formulierte er, als ob er die Erkenntnis gerade in irgendeinem virtuellen Notizblock eintrug.

“Genau.” bestätigte ich vorsichtig. “Rosen – sind – nichts – für – Terminatoren. Also, schätz ich mal.”

Der Terminator schien mir jedoch nicht zuzuhören. “Es gibt da diesen T-X….” erklärte er mit deutlich schnarrender Stimme. “Ich habe ihm eine ‘Du gefällst mir’-Nachricht in Maschinencode geschickt. Ich glaube, er versteht das Protokoll nicht.”

“Du könntest es mal mit Rosen probieren.” schlug ich vor.

“Ist es denn zuverlässig?” fragte der Terminator.

“Hm, nein.” räumte ich ein. “Eigentlich gar nicht. Aber einen Versuch ist es wert. Ich meine, was hast du schon zu verlieren?”

Der Terminator hielt einen Augenblick inne, was wohl nur bedeuten konnte, dass er gerade eine komplizierte Rechenoperation ausführte. “Gib mir die Rosen!” sagte er schließlich.

Selber brauchte ich nur wenige Millisekunden, um zu einer Entscheidung zu gelangen – dann ergriff ich den Rosenstrauß und händigte ihn mit einem resignierenden Achselzucken dem Terminator aus.

Der Terminator nahm die Rosen und bückte sich wieder nach dem Laternenmasten.

Auf einmal schien ihn jedoch etwas zu blockieren. Er erhob sich wieder, bückte sich ein zweites Mal, stoppte abermals, hielt nochmals inne – und stand dann unverrichteter Dinge wieder auf.

Er betrachtete erst das Buch in seiner linken und dann den Rosenstrauß in seiner rechten Hand. Dann noch einmal das Buch, und dann noch einmal die Rosen. “Ich muss jetzt gehen.” murmelte er schließlich.

“Du wolltest mich doch terminieren!” platzte es aus mir heraus, und im nächsten Moment kam mir der Gedanke, dass es mit dem Satz „Erst denken, dann reden!“ vielleicht doch etwas auf sich hatte.

“Stimmt, ja.” sagte der Terminator, aber es klang irgendwie lustlos. Er sah sich um. “Welches Jahr haben wir eigentlich?”

“2016!” antwortete ich hastig, froh, dass der Terminator von sich aus das Thema gewechselt hatte.

Die Antwort schien den Terminator noch mehr zu verwirren, auch wenn er sichtlich bemüht war, die Fassung zu bewahren. “Danke für das Buch.” murmelte er. “Ist es denn gut?”

Ich nickte mit dem diensteifrigen Lächeln eines Immobilienmaklers. “Was heißt gut – es ist großartig! Es wird dir bestimmt gefallen.”

Der Terminator nickte verlegen. “Ich muss jetzt gehen.”

“Kommst du denn wieder?” fragte ich – aber da war der Terminator bereits ins Gebüsch getreten. Ein heller Lichtblitz ließ mich geblendet die Augen schließen – als ich sie wieder öffnete, war der Terminator verschwunden.
 

Als Käthe endlich eintraf, überreichte ich ihr zur Begrüßung einen Strauß mit Gänseblümchen, die ich unmittelbar hinter der Parkbank gepflückt hatte.

“Wieder der Terminator?” fragte sie bloß.

“Du bist spät.” sagte ich.

“Du bist aber auch ein Pechvogel.” sagte sie, und schnupperte an den Blumen. Dann gab sie mir einen Kuss, und hängte sich bei mir ein. “Hast du das Gebüsch gesehen? Da ist ein riesiges Loch drinnen!”

“Ich hab Hunger.” sagte ich.

Sie nickte. “Lass uns was essen gehen!”

Dann schlenderten wir in Richtung Hermannplatz davon.

Über den Autor

Stefan

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