An meinem sechsten Geburtstag fuhren meine Eltern mit mir in den Zirkus. Unterwegs in der U-Bahn spürte ich auf einmal einen dumpfen Schmerz, und als ich entsetzt aufsprang, hatte neben mir ein alter Mann Platz genommen: Sein Anzug war blau und seine Haut schwarz, und meine Eltern fragten sich, was sie bei meiner Erziehung wohl falsch gemacht hatten. So wurde ich zum Sorgenkind.

Der Zirkus selbst machte meinen Eltern keinen Spaß. Erst, als ich erneut aufsprang, weil sich eine junge Frau neben mich gesetzt hatte, lachten sie auf einmal befreit auf – so befreit, dass sogar die Blondine, neben der ich nicht sitzen konnte, irgendwann mitlachte. Zu Hause fiel die Erleichterung dann von ihnen ab, und sie fragten sich, was sie bei meiner Erziehung wohl falsch gemacht hatten.

Mein erster Schultag war ein Drama: Dass die Schultür viel zu klein war, konnte ich auf Anhieb sehen, aber als mich meine Eltern dennoch hindurch zerren wollten, kam es zum Eklat. Wir hatten bereits eine größere Menge Schaulustiger angelockt, als meine Eltern schließlich nachgaben und mit mir durch das Garagentor gingen. Das war ab da mein täglicher Schulweg.

Als ihre Sorgen außer Kontrolle zu geraten drohten, beschlossen meine Eltern, mit mir zu einem Spezialisten zu gehen. Da sie jedoch nicht wussten zu welchem, gingen wir zunächst zu unserem Hausarzt, der mich erst vermaß, mir dann eine erhebliche Menge Blut abnahm und uns schließlich mit einem dicken Stapel Zuweisungen wieder wegschickte.

Am nächsten Tag wurde meine Sehkraft geprüft und tags darauf mein Gehör – danach fertigten sie eine Unzahl Röntgenbilder an. Von den beiden Psychologen, die mich analysierten, bescheinigte mir der eine stark überdurchschnittliche soziale Fähigkeiten, der andere stark unterdurchschnittliche. Besorgt war jedoch keiner.

Einige Wochen später kehrten wir schließlich zum Hausarzt zurück, der uns erklärte, dass auch die Blutproben nichts Auffälliges ergeben hatten und ich im übrigen ganz normal funktionierte – sehr zur Sorge meiner Eltern, die sich fragten, ob sie bei meiner Erziehung vielleicht etwas falsch gemacht hatten. Der Arzt machte noch ein paar Tests mit mir, dann kehrte er mir plötzlich den Rücken zu und begann, mit meinen Eltern zu tuscheln.

Ich spitzte die Ohren, konnte aber nur ein paar Wortfetzen aufschnappen: Von der Versicherung sei da nichts zu erwarten, hörte ich den Arzt sagen. Meine Mutter erwiderte etwas, jedoch so leise, dass ich es nicht verstehen konnte. Natürlich sei es ein anerkanntes Problem, ergänzte der Arzt, es sei nur wegen der Kosten – die Kassen schrieben auch so schon rote Zahlen. Dann senkte auch er die Stimme.

“Elefantenseele?!” rief mein Vater plötzlich laut aus.

“Pssst.” sagte meine Mutter. Sie sah sich kurz nach mir um, und als sie meinen verwirrten Blick bemerkte, zwinkerte sie mir zu.

Was genau danach gesagt wurde, habe ich nie erfahren.

Die nächsten Tage durfte ich so viel Eis essen wie ich wollte, und wenn ich spät abends noch vor dem Fernseher saß, setzten sich meine Eltern einfach stumm dazu, anstatt mich mit dem üblichen Gezeter zu Bett zu schicken.

Schließlich begriff ich, dass es etwas Ernstes sein musste, traute mich aber nicht zu fragen. Statt dessen begann ich, freiwillig früh schlafen zu gehen. Eis musste jetzt auch nicht mehr unbedingt sein, und wenn es sich doch nicht vermeiden ließ, entschied ich mich für Sorten wie Banane oder Vanille, die für mich keine echte Belohnung darstellten.

So wurde langsam wieder alles so, wie es vor den Untersuchungen gewesen war, und die Diagnose selbst geriet allmählich in Vergessenheit. Das lag nicht zuletzt auch daran, dass außer meinen Eltern niemand davon wusste. In der Schule wurde ich bereits wegen meiner abstehenden Ohren gehänselt, noch eine Elefantenseele dazu konnte ich mir nicht leisten.
 

Heute versuche ich, ein unauffälliges Leben zu führen – größere Menschenmengen meide ich allerdings, das gibt bloß Ärger. Mit Sätzen wie „Entschuldige, du stehst auf meiner Seele!“ macht man sich auch so schon keine Freunde, aber versuch das mal einem betrunkenen Skinhead zu erklären.

Von Zeit zu Zeit treffe ich auf Menschen, die eine Elefantenseele von sich aus erkennen können, und fast immer kommen diese Momente überraschend. Nach der Vorsorgeuntersuchung neulich schickte die Ärztin ihre Sprechstundenhilfe auf einmal hinaus und sah mich, nachdem sie die Tür geschlossen hatte, ernst an.

“Ihre Seele muss dringend abnehmen.” sagte sie beschwörend. Sie argumentierte das mit dem SMI – dem Seelenmaßindex: Für mein Alter sei meine Seele stark übergewichtig, das ginge so nicht.

“Warum?” fragte ich bloß.

Das sei eben so, erwiderte sie. Es klang ein bisschen schnippisch, als hätte ich gerade ihre fachliche Autorität in Frage gestellt.

Meine Seele sei glücklich so wie sie ist, erwiderte ich trotzig. Ich behauptete, dass sie einem falschen Seelenideal anhinge, und als sie davon nichts hören wollte, stapfte ich schließlich wutentbrannt aus der Praxis.

Auch der Türsteher des Berghain kann meine Elefantenseele sehen. “Ihr kommt hier nicht rein.” sagte er, als ich das erste Mal allein vor ihm stand, und es klang warm und verständnisvoll. An schlechten Tagen fahre ich manchmal nur dort hin, um diese Worte zu hören – ich fühle mich dann verstanden und fahre beruhigt heim.

An Wochentagen, oder wenn ich im Urlaub bin, gehe ich auch gerne mal in den Zoo.

An der Kasse frage ich dann immer nach den Menschenaffen, und wann denn die Fütterung sei. Aber das frage ich nur, um keinen Verdacht zu erwecken. Sobald die Fütterung begonnen hat, stehle ich mich davon – weg von den Affen, vorbei an den Nilpferden und auch vorbei an den Nashörnern.

Wenn keiner hinsieht, streichle ich die Elefanten, und sie legen dafür zärtlich ihre Rüssel auf meine Schulter. Ich fühle mich in diesen Momenten ganz nah und ganz geborgen – denn auch Elefanten haben eine Elefantenseele.

Über den Autor

Stefan

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