Eigentlich hatte ich ja den Pizzaboten erwartet, weshalb ich, als es an der Wohnungstür klopfte, die Tür einfach aufriss, anstatt erst wie gewohnt durch den Türspion zu blicken. Umso überraschter war ich, als auf einmal der Papst vor mir stand. Dass ich den Papst gleich erkannte, verblüffte mich selbst, lag aber wohl an seiner Papstkleidung und vielleicht auch an der dezenten Weihrauchnote.

“In nomine…” begann der Papst.

“Danke gleichfalls, Herr… – äh, Papst!” sagte ich hastig. “Also ganz ehrlich, vor ein paar Tagen erst waren die Heiligen Drei Könige hier – das war ja recht nett und alles, aber falls Sie mir jetzt auch ein Ständchen …”

“Nein, ich werde nicht singen.” sagte der Papst in beruhigendem Tonfall.

Ich zog die Augenbrauen hoch. “Worum geht es denn dann, bitte? Ich will ja nicht unhöflich sein, aber meine Zeit ist knapp bemessen und …”

“Geht mir genauso.” unterbrach mich der Papst. “Gerade zu Jahresbeginn haben wir Päpste immer den allermeisten Stress – das bringt der Beruf so mit sich, verstehst du? Und dazu kommt jetzt auch noch die Aktion, wegen der ich unterwegs bin…”

“Welche Aktion ist denn das?” fragte ich höflich.

“Gut, dass du fragst!” sagte der Papst. “Wenn du erlaubst, werde ich also sofort zur Sache kommen. Ich bin dann auch gleich wieder weg.”

Und im nächsten Moment spazierte der Papst wie selbstverständlich an mir vorbei in meine Wohnung.

“Bist du denn ausreichend versichert?” fragte der Papst im Vorübergehen. “Pensionsversicherung? Höllenfeuer? Hausrat? Unfall…?”

Ich nickte und folgte dem Papst ins Wohnzimmer. “Ich denke schon!” sagte ich – hielt jedoch im nächsten Moment inne. “Was war das? Am Anfang, gleich nach der Pensionsversicherung?”

“Hausrat…” murmelte der Papst, “Ja, die ist schon wichtig. – Hast du die Verträge vielleicht irgendwo griffbereit?”

“Ich fürchte nein.” log ich, und hatte gleich ein schlechtes Gewissen – nicht etwa weil ich mich schämte, den Papst angelogen zu haben, sondern weil ich befürchtete, dass er es vielleicht irgendwie rauskriegen konnte.

“Das ist nicht weiter schlimm.” sagte der Papst mit pastoraler Gelassenheit. “Wenn du erlaubst, möchte ich dir kurz erzählen, weshalb ich gekommen bin. Wie du ja weißt, leben wir in einem Zeitalter dunkelsten Aberglaubens…”

Ich nickte höflich, auch wenn ich keine Ahnung hatte, worauf der Papst damit hinauswollte.

“In ihrer Verzweiflung machen unsere Schäfchen die irrationalsten Dinge. Neulich saßen wir also nach dem Kardinalsrat noch ein bisschen zusammen – ich, Monsignore Antonelli und noch drei andere – und da begriffen wir, dass endlich etwas getan werden muss. Wir haben also ein neues Zeitalter der Aufklärung eingeläutet – die Menschen müssen wieder Mut fassen, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen!”

„Ihres eigenen Verstandes?“ wiederholte ich ungläubig.

Der Papst schien jetzt jedoch erst so richtig in Fahrt zu kommen. “Ich meine, was für ein Heilsversprechen ist denn das?! Dass alles Leiden in einem späteren Leben, das angeblich nach dem Berufsleben kommt, vergolten werden soll? Wer glaubt denn sowas! Und die monatlichen Opfer – wofür denn?”

Ich öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, aber der Papst gab sich die Antwort gleich selbst.

“Für ein minderwertiges Produkt! Was soll das bitte für ein Trost sein der, wenn es drauf ankommt, einfach in sich zusammenfällt! Typisch Konsumgesellschaft, sage ich nur – alles ist vergänglich! Was für ein erbärmliches Preis-Leistungsverhältnis!”

“Von Ihrem Preis-Leistungsverhältnis hört man aber auch nichts Gutes!” sagte ich mutig.

Der Papst nickte traurig. “Das ist mir auch schon zu Ohren gekommen, mein Sohn, aber so ist das im Geschäftsleben: Hast du das perfekte Produkt, versuchen sie eben, dich anzuschwärzen. Wenn du die Texte vergleichst, wirst du feststellen, dass unser Angebot in jeder Hinsicht überlegen ist.”

Im nächsten Moment knallte der Papst ein dickes schwarzes Buch auf meinen Wohnzimmertisch, was eine beträchtliche Staubwolke verursachte. Auf dem ledernen Einband war unmissverständlich ein dunkles Kreuz eingelassen.

“Ist das das Alte Testament?” riet ich.

“Also so alt ist es dann auch wieder nicht…” murmelte der Papst und versuchte mit einer etwas zu beiläufigen Handbewegung, die Staubwolke zu verscheuchen. “Was hast du denn erwartet – eine Powerpoint-Präsentation? Lass uns jetzt am besten mit deiner Pensionsversicherung anfangen! Wie hoch sind deine Beiträge?”

Ich zuckte die Achseln, aber der Papst ließ nicht locker. “Was für eine Prozentsatz – zwanzig?”

“Ja, ich glaube, zwanzig.”

Der Papst schüttelte unmerklich den Kopf. “Und wie viel bekommst du am Ende raus?”

“Achtzig Prozent des letzten Lohns.” sagte ich, korrigierte mich aber gleich wieder. “Ich glaube, es sind nur siebzig. Also, maximal.”

Der Papst lächelte wohlwollend. “Und glaubst du daran, mein Sohn?”

Ich lachte düster. “Nein, ehrlich gesagt glaube ich, dass ich keinen Cent davon sehe. Aber immerhin habe ich damit meinen Seelenfrieden.”

Der Papst nickte. “Selig sind die, die keinen Cent sehen und doch glauben.”

Im nächsten Augenblick zog er einen goldenen, mit Edelsteinen besetzten Taschenrechner aus seiner Soutane und fing an, mit umständlichen Bewegungen darauf herumzutippen. Es dauerte eine Weile, bis der Papst schließlich fertig war und mir den Taschenrechner unter die Nase hielt.

“ERROR” stand auf dem Display. Ich sah den Papst hilflos an.

“Das ist wegen der Ewigkeit.” erläuterte der Papst. “Wenn du es auf Jahresbeiträge herunterrechnest, ist es unglaublich billig.” Und im nächsten Moment war der Taschenrechner wieder in der päpstlichen Soutane verschwunden. “Also, ich kann dir folgendes Angebot machen: Zunächst einmal können wir deine Versicherungsprämie halbieren. Du zahlst dann nur noch einen Zehent.”

“Einen Zehent?” fragte ich unsicher.

“Das sind zehn Prozent deines Einkommens. Ein Klassiker aus unserem Portfolio – altbewährt und äußerst beliebt!” versicherte mir der Papst.

“Das klingt ja toll.” behauptete ich. “Und was für Abstriche muss ich dafür machen?”

“Natürlich gar keine!” erwiderte der Papst, und an seiner Stimme war zu hören, dass ihn meine Frage kränkte. “Bisher hast du 20 Prozent gezahlt, und bekamst dafür nichts. Wir halbieren deine Prämie.“ Der Papst lächelte gewinnend. „Außerdem bieten wir dir enorme Zusatzleistungen: Da wäre zum Beispiel unser Rundum-Seelenschutz…”

“Kann ich dann meine Seele gefahrlos an den Teufel verkaufen?” platzte es aus mir heraus.

Der Papst zog die Augenbrauen hoch.

„Also, jetzt rein hypothetisch.“ Ich gab mir alle Mühe, ein diabolisches Grinsen zu vermeiden.

“Ich würde dir davon abraten.” brummte der Papst geschäftsmäßig. “Vorsatz und grobe Fahrlässigkeit treiben die Versicherungsprämie nur unnötig in die Höhe. Für solche Fälle gibt es bei uns die Möglichkeit der Einmalprämie: Die zahlst du einfach, wenn der Schaden eingetreten ist – damit ist die Sache dann erledigt.”

„Wie – hinterher?” fragte ich verdutzt.

“Natürlich – wir nennen das auch Buße.” erläuterte der Papst nicht ohne Stolz. „Alles andere wäre doch Abzocke, oder nicht?“

“Klingt für mich aber eher nach Ablasshandel.“ erwiderte ich trocken. “Habt ihr das nicht schon vor längerer Zeit abgeschafft?”

“Ich sehe schon, du bist Versicherungsexperte.” sagte der Papst, sichtlich erfreut. “Nein, wir haben das erst neulich wieder eingeführt. Der großen Nachfrage wegen!”

“War das auch bei diesem Kardinalstreffen?” fragte ich.

“Im Kardinalsrat.” korrigierte mich der Papst. “Du weißt ja, wie das ist: Die Dinge kommen und die Dinge gehen. Retro ist in der Kirche immer besonders beliebt.”

Ich machte ein ungläubiges Gesicht. „Retro?“

„Natürlich – wie die schrecklich grellen Skianzüge, die es früher gab. Weißt du noch?”

Ich nickte verstört.

“Meine Tochter will jetzt auch so einen.” erklärte der Papst fröhlich. „Und siehe: Alles kommt wieder.“

“Sie haben eine Tochter? Ich dachte…”

“Das meinte ich natürlich in rein pastoralem Sinne, mein Sohn!” unterbrach mich der Papst. “Lass uns jetzt bitte mit dem Vertrag fortfahren.”

Ich nickte artig.

“Das beste kommt jetzt!” sagte der Papst. “Wenn du sofort bestellst, kann ich dir auf alles 20 Prozent Rabatt geben. Aber ich möchte dich natürlich nicht unter Druck setzen – du kannst dir alles in Ruhe überlegen. Die 20 Prozent gibt es allerdings nur jetzt. Und: Sie gelten auf Lebenszeit!”

“Nur auf Lebenszeit?” erwiderte ich kühl.

“Naja gut – also dann für alle Ewigkeit.” sagte der Papst. “Du bist aber auch mit allen Wassern gewaschen!”

Danach besprachen wir noch einige Details, aber am Ende unterschrieb ich natürlich. Die erste Rate wollte der Papst in bar. Er hatte sogar einen Klingelbeutel bei sich, mit einem Gestänge aus Gold und einem Beutel aus rotem Samt, und insofern sprach für mich auch nichts dagegen.

Wir standen bereits wieder im Vorzimmer, als mir auf einmal die Frage einfiel, die mir eigentlich von Anfang an auf der Zunge gelegen war. “Warum sind Sie eigentlich persönlich gekommen? Als Papst haben Sie doch sicher so… – äh…”

“Viele Termine? – Andere Sorgen? — Kreuzschmerzen?!” versuchte mir der Papst zu Hilfe zu kommen.

“Bischöfe.” fiel es mir jetzt wieder ein.

“Bischöfe! Natürlich habe ich die! – Aber stell dir das doch mal vor: Sähe ja komisch aus, wenn Berlin auf einmal voller Bischöfe wäre, die überall rumlaufen und Versicherungen verkaufen. Diskretion ist schließlich eines unserer Kerngeschäfte – schon seit dem Konzil von Trient!“ Der Papst machte eine abwehrende Handbewegung. „Nein, das geht gar nicht. Willst du etwas gut gemacht haben, dann tu es selbst!“

Das leuchtete mir ein. “Hilf dir selbst, dann hilf dir Gott!” ergänzte ich, stolz, auch eine theologische Weisheit zum Besten geben zu können.

“So ungefähr.” brummte der Papst wohlwollend, dann drehte er auf dem Absatz um und war wenige Augenblicke später im Treppenhaus verschwunden.

Bewegt schloss ich die Tür und ging mit weichen Knien zum Wohnzimmertisch. Ich hatte mich gerade erst hingesetzt, als es noch einmal an der Tür klopfte. Ich sprang auf und lief aufgeregt hin, sicher, dass der Papst etwas vergessen hatte – aber als ich die Tür aufriss, stand dort nur der Pizzabote.

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Stefan

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